Komplott gegen Autonomie

Geheimtreffen von kurdischen Parteien und Geheimdiensten bekanntgeworden

Die syrische Kurden bereiten sich darauf vor, die selbsterklärten kurdischen Autonomiegebiete im Grenzgebiet zur Türkei auch bewaffnet zu verteidigen. Zu diesem Zweck wurde in den letzten vier Wochen der Grundstock einer kurdischen Armee aufgebaut. Nach dem weitgehenden Rückzug von Sicherheitskräften der Baath-Regierung aus dieser Region hatten im Juli Volksräte unter Führung der Demokratischen Einheitspartei (PYD), einer Schwesterpartei der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die Kontrolle über eine Reihe von Städten übernommen. Jetzt wurde die Aufstellung einer dritten Brigade sogenannter Volksverteidigungseinheiten YPG bekanntgegeben. Kurdische Medien zeigen zahlreiche vermummte und mit Handfeuerwaffen ausgestattete Kämpfer, darunter auch Frauen, auf einer Parade. Die bislang in den Städten Kobani, Afrin und Qamishlo stationierten YPG sehen ihre Aufgabe in der Verteidigung der Demokratischen Autonomie sowohl gegen die »vom Baath-Regime ausgehende Gefahr« als auch gegen ausländische Bedrohungen. Gemeint sind die Einmarschdrohungen der entlang der Grenze mit Panzern aufgefahrenen türkischen Armee sowie arabische Dschihadisten, die mit Anschlägen die kurdischen Enklaven in den Bürgerkrieg treiben wollen.

Unterdessen wurde ein Komplott gegen die kurdische Autonomieregion in Syrien bekannt, an dem sich auch einige kurdische Parteien beteiligen. Laut einem geheimen Dokument, das der Nachrichtenagentur Firat zugesandt wurde, haben sich am 2. September in der Hauptstadt der Autonomieregion Erbil Vertreter kurdischer Parteien mit türkischen, US-amerikanischen und israelischen Diplomaten getroffen, um Maßnahmen gegen die PYD zu vereinbaren. An dem Geheimtreffen nahmen unter anderem der Ministerpräsident der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, Necirvan Barzani, und Berham Salih, der stellvertretende Generalsekretär der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), ein Vertreter des türkischen Außenministeriums, der US-Botschafter aus Jordanien sowie Vertreter des israelischen Geheimdienstes Mossad teil. Außerdem beteiligten sich Funktionäre mehrerer kleiner kurdischer Parteien, die unter dem Dach des alle syrischen Kurden repräsentierenden Hohen Kurdischen Rates offiziell mit der PYD zusammenarbeiten. Es wurde beschlossen, den Hohen Kurdischen Rat weiter bestehen zu lassen, um so den Einfluß der PYD-geführten Volksräte einzudämmen. Gleichzeitig sollen jedoch die anderen in diesem Rat vertretenen Parteien eine Diffamierungskampagne gegen die PYD starten und erklären, daß deren Institutionen und Politiker die Kurden nicht vertreten.

Der namentlich nicht bekannte Vertreter des türkischen Außenministeriums sicherte demnach zu, daß sich die Türkei nicht gegen ein zukünftiges föderales System in Syrien stellen werde, wenn die türkische Armee im Gegenzug drei Militärflughäfen in den kurdischen Enklaven Syriens errichten darf. Auch will die Türkei syrisch-kurdischen Kämpfern, die in der irakisch-kurdischen Autonomiezone ausgebildet wurden, militärische Unterstützung für eine Rückkehr nach Syrien geben. Mit Hilfe dieser unter dem Einfluß des irakisch-kurdischen Präsidenten Massoud Barzani stehenden bewaffneten Kräfte soll so offenbar die Macht der PYD-nahen Volksverteidigungseinheiten zurückgedrängt werden. Ausgerechnet in dem lange als Terrorunterstützer geschmähten kurdischen Präsidenten, der vor zwei Wochen als Ehrengast auf dem Parteitag der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in Ankara weilte, hat die Türkei inzwischen einen engen Verbündeten in der Region gefunden.

junge Welt 15.10.2012


0 Antworten auf „Komplott gegen Autonomie“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei × = vierzehn