Trophäen auf Facebook

Türkische Soldaten posieren vor getöteten Aufständischen und stellen Foto ins Internet

Von Martin Dolzer

Türkische Soldaten haben auf der Internetplattform Facebook ein Foto veröffentlicht, auf dem 43 Uniformierte vor den Leichen von acht getöteten Guerillakämpfern posieren. Das Bild stammt Berichten kurdischer Nachrichtenagenturen zufolge vom Militärstützpunkt Güzel Konak in der Region Hakkari. Entstanden sein soll die Aufnahme am 14. oder 15. September. Augenzeugenberichten zufolge, die in der Regionalzeitung Yüksekovahaber und von der Nachrichtenagentur DIHA veröffentlicht wurden, waren die Leichen zu diesem Zeitpunkt schon zwei Tage lang im Garten des Stützpunktes »ausgestellt« und von Soldaten geschändet worden. Offiziere sollen dann die Aufstellung der Soldaten für das Foto veranlaßt haben. Zudem berichten weitere Augenzeugen, daß die Schüler der örtlichen Grundschule gezwungen worden seien, sich die Leichen anzusehen.

»Hierbei handelt es sich gemäß internationalem Kriegsrecht wie auch nach dem Völkerstrafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland um ein Kriegsverbrechen. Das Recht auf Achtung der Gefallenen findet sich auch im ersten Zusatzprotokoll zum Genfer Abkommen«, kommentierte dies gegenüber junge Welt der Rechtsanwalt Heinz-Jürgen Schneider. Die Soldaten hätten sich einer entwürdigenden Behandlung der Getöteten schuldig gemacht, so der Jurist. »Ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist jede Herabsetzung, wie eine Zurschaustellung durch Bilder und deren Verbreitung. Genau das ist hier geschehen. Da daß Bild sich auf Facebook befindet oder befand, ist die Handlung auch vorsätzlich begangen worden. Dazu kommen erschwerend die postmortalen Verstümmelungen.« Die Identität der Täter, die das Foto veranlaßt und ins Internet gestellt haben, ist bisher nicht bekannt. Sie dürfte jedoch nicht schwer zu ermitteln sein, wenn der politische Wille dazu da wäre. Die Soldaten sind auf dem Foto zu erkennen und können einer Einheit zugeordnet werden.

Vertreten durch Schneider und dessen Kollegin Britta Eder hatten erst im November 2011 der Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg (Die Linke) und die Schriftstellerin Doris Gercke gemeinsam mit weiteren Personen bei der Bundesanwaltschaft (BAW) in Karlsruhe Anzeige gegen die türkische Armee und Sicherheitskräfte wegen Kriegsverbrechen erstattet. Sie richtete sich gegen den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan sowie die drei letzten Generalstabschefs als oberste Befehlshaber sowie gegen bisher nicht identifizierte Soldaten. Angezeigt wurden neben Chemiewaffeneinsätzen, außergerichtlichen Hinrichtungen, Tötungen nach Festnahmen auch die Verstümmelung von gefallenen Guerillakämpfern und weitere Verbrechen. Die BAW war bisher nicht bereit, Anklage zu erheben.

junge Welt 21.9.2012


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