Waren es mal wieder die Kurden?

Generalverdacht und Verallgemeinerung

Von Yilmaz Kaba

In der Illustrierten Stern erschien in den 90er Jahren eine Karikatur: In einem Kinderzimmer sitzt ein weinender Junge inmitten zerstörter Möbel und Spielsachen. Die Mutter steht in der Tür und schaut entsetzt auf dieses Chaos. Die Sprechblase über ihrem kleinen Sohn: »Mama, das waren die Kurden.«

»Was habt ihr Kurden da schon wieder angestellt?« Fragen wie diese mußten sich nach den »Krawallen« beim Kulturfestival in Mannheim vor einer Woche Tausende Kurdinnen und Kurden von ihren Arbeitskollegen, Mitschülern und anderen anhören.

Immer wieder wurde die hier lebende kurdische Bevölkerung Opfer einseitiger Berichterstattung durch deutsche Medien. Eine ganze Bevölkerungsgruppe, welche zum Teil schon seit über 50 Jahren in Deutschland lebt, wurde von heute auf morgen wieder einmal unter einen diskriminierenden Generalverdacht gestellt. Kurden werden grundsätzlich als gewalttätige Krawallmacher stigmatisiert.

Was war in Mannheim passiert? Von Anfang an war für Organisatoren und Gäste eine feindliche Atmosphäre spürbar. Die Polizei zeigte massive Präsenz, die Kurden wurden als ein reines Sicherheitsproblem eingestuft.

Tatsache ist, daß die Mehrheit der rund eine Million in Deutschland lebenden Kurden einer so unmenschlichen Politik ausgesetzt waren und sind, daß sie aus Angst um ihr Leben die Heimat Kurdistan verlassen mußten. Die Menschen leben hier, aber ihre Angehörigen, Familien und Freunde in der Türkei, in Syrien, Iran oder im Irak sind in ihren Herzen und in ihren Köpfen. Sie sehen Bilder wie diese: Ja, es waren wieder einmal die Kurden, denen kein Recht auf ein friedliches Leben in Würde gewährt wird. Ja, es waren wieder einmal die Kurden, die zusehen mußten, wie ihr Land niedergebrannt, zerstört und aufgeteilt wird. Ja, es waren wieder einmal die Kurden, die miterleben mußten, wie ihre Familienangehörigen abgeholt wurden und nie wiederkamen.

Ja, es waren wieder einmal die Kurden, auf deren Rücken internationale Rüstungsabkommen abgeschlossen wurden, von denen insbesondere Deutschland profitiert hat und weiterhin seinen Nutzen daraus zieht.

Wie korrespondiert diese Tatsache mit der von Politikern wiederholt erhobenen (richtigen) Forderung, daß es darauf ankomme, die Fluchtursachen in den Herkunftsländern von Flüchtlingen zu beseitigen, wenn gleichzeitig immer neue Fluchtgründe geschaffen werden, wie beispielsweise durch die Unterstützung des NATO-Partners Türkei, u.a. durch die Lieferung von Waffen?

Vielen ist vielleicht nicht bekannt und bewußt, daß die meisten hier lebenden Kurden von der BRD als politisch Verfolgte anerkannt wurden. Daß die Kurden sich weiterhin für die Belange und für einen gerechten Frieden sowie ihre Freiheit einsetzen, dürfte daher eigentlich kein Problem darstellen.

Statt dessen sind sie einer nicht enden wollenden Kriminalisierung ausgesetzt und ständig mit hohen Strafen bedroht. Und davon betroffen ist schon die dritte Generation, sind Kinder und Jugendliche, die hier geboren sind und hier aufwachsen, die versuchen, sich in diese Gesellschaft zu integrieren, und ihren Beitrag leisten wollen.

Yilmaz Kaba ist Mitglied im Vorstand der Föderation kurdischer Vereine in Deutschland YEK-KOM

junge Welt 15.9.2012


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