Hunderttausend für freies Kurdistan

Gewaltsame Proteste gegen Polizei bei Kulturfestival in Mannheim

Zehntausende Kurden aus mehreren europäischen Staaten haben am Samstag in Mannheim das 20. Kurdische Kulturfestival gefeiert. Während die Polizei von 40000 Teilnehmern auf dem Maimarktgelände sprach, nannte die veranstaltende Föderation Kurdischer Vereine in Deutschland, Yek Kom, die Zahl 100000. Auf dem ganzen Gelände waren zahlreiche Fahnen der in Deutschland verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu sehen. Das zentrale Transparent auf der Bühne forderte Freiheit für deren seit 13 Jahren auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali gefangenen Vorsitzenden Abdullah Öcalan und einen »völkerrechtlichen Status« für die Kurden. Der Vorsitzende der im türkischen Parlament vertretenen Partei für Frieden und Demokratie (BDP), Selahattin Demirtas, sowie der per Videoübertragung aus einem Guerilla­camp im Nordirak live zugeschaltete PKK-Kommandant Murat Karayilan berichteten vom Kampf der Kurden für »demokratische Autonomie«. Die Festivalteilnehmer feierten die »Revolution in Westkurdistan«, also die Machtübernahme durch »Volksräte« in mehreren kurdischen Städten Syriens. Gedacht wurde dabei auch der 20 Toten, die vergangene Woche bei einem Angriff der syrischen Luftwaffe auf ein kurdisches Stadtviertel in Aleppo zu beklagen waren.

Am Rande des Festivals kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der mit 600 Beamten aufgefahrenen Polizei. Dabei wurden nach Polizeiangaben 80 Beamte durch Stein- und Flaschenwürfe verletzt und 13 Einsatzfahrzeuge demoliert. Aufgrund des »explosiven Gewaltpotentials und der ca. 2500 gewalttätigen oder gewaltbereiten Personen, die zudem von vielen tausend weiteren Veranstaltungsbesuchern lautstark unterstützt wurden« habe der Einsatzleiter die Kräfte schließlich zurückgezogen, um eine »Eskalation der Gewalt« zu verhindern, meldete das Mannheimer Polizeipräsidium. Ausgelöst wurden die stundenlangen Straßenschlachten offenbar, als Polizisten einen Jugendlichen daran hindern wollten, das Festivalgelände mit einer verbotenen Fahne zu betreten. Auch der Mehrzahl der 31 festgenommenen Festivalteilnehmer werden Verstöße gegen das PKK-Verbot wie das Tragen untersagter T-Shirts vorgeworfen.

Die Stimmung war schon vor Festivalbeginn gereizt, nachdem die Polizei am Freitag einen Jugendmarsch von Strasbourg nach Mannheim vorzeitig beendet hatte. Es sei zu Straftaten wie Beleidigungen und Körperverletzungen gekommen, lautete die Begründung. Gegen alle Teilnehmer werde nun wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch ermittelt, meldete die Polizei. Tatsächlich hatten sich die rund 120 Jugendlichen mehrfach gegen Provokationen und gewaltsame Übergriffe von zum Teil bewaffneten »Grauen Wölfen« – türkischen Faschisten – verteidigen müssen.

Innerhalb der Europäischen Union existiert nur in Deutschland das PKK-Verbot. Anstatt dies als Ursache der Auseinandersetzungen zu hinterfragen, forderte die Gewerkschaft der Polizei am Wochenende die Untersagung zukünftiger kurdischer Festivals.

junge Welt 10.9.2012


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