Bombenterror im Grenzgebiet

Neun Tote bei Anschlag auf Polizeiwache in der Südosttürkei. PKK distanziert sich

Bei einer Explosion im Südosten der Türkei wurden in der Nacht zum Dienstag neun Menschen getötet und 69 weitere verletzt. Nach Angaben der Behörden wurde ein Sprengstoff gefüllter Wagen mit einem Fernzünder vor einer Polizeiwache in der Provinzhauptstadt Gaziantep in die Luft gejagt. Mehrere vorbeifahrende Autos und Busse gingen dabei in Flammen auf. Unter den Toten sind auch vier Kinder.

Behörden und Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP machten sofort nach dem Anschlag die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verantwortlich. Gleichzeitig rief der stellvertretende Ministerpräsident Besir Atalay die Bevölkerung zur Besonnenheit auf. Dennoch marschierte ein faschistischer Mob mit türkischen Fahnen zu örtlichen Büros der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP). Die Randalierer riefen antikurdische Parolen, warfen Steine und setzten ein Gebäude in Brand, während die Polizei untätig zusah. Die BDP selbst verurteilte den Bombenanschlag am Dienstag.

Auch die PKK distanzierte sich in einer der Nachrichtenagentur Firat vorliegenden Erklärung von dem Anschlag. »Unsere Kämpfer haben mit der Explosion in Antep nichts zu tun«, heißt es. »Wir führen keine Aktionen durch, bei denen das Leben von Zivilisten gefährdet wird«. Die PKK hatte für die Tage nach Beendigung des islamischen Fastenmonats Ramadan eine Phase der Aktionslosigkeit ausgerufen, in der sie lediglich zur Selbstverteidigung zu den Waffen greift. Nicht auszuschließen ist allerdings, daß eine nach eigenen Aussagen von der PKK abgespaltene Stadtguerilla namens Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) hinter dem Anschlag steckt. Schon mehrfach hatten die TAK, die der PKK ein zu gemäßigtes Vorgehen vorwerfen, Anschläge in türkischen Städten verübt, bei denen auch Zivilisten getötet wurden.

Der Gazianteper AKP-Abgeordnete Samil Tayyar beschuldigte unterdessen den syrischen Geheimdienst, den Anschlag gemeinsam mit der PKK verübt zu haben. In der Provinz um die eine Autostunde von der Grenze entfernten Stadt Gaziantep sind Tausende syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge untergebracht. Auch die gegen die syrische Regierung kämpfende Freie Syrische Armee, in deren Reihen neben syrischen Deserteuren Dschihadisten aus verschiedenen arabischen Ländern agieren, operiert aus der türkischen Grenzprovinz. Nachdem kurdische Volksräte in den letzten Wochen die Kontrolle über eine Reihe von syrisch-kurdischen Städten übernommen haben, wirft die türkische Regierung dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad vor, der PKK-Schwesterpartei PYD im Grenzgebiet freie Hand gegeben zu haben. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte mehrfach ein militärisches Vorgehen gegen eine PKK-Präsenz im Nachbarland angedroht. Sollte der Anschlag in Gaziantep weiterhin mit kurdischen Rebellen in Verbindung gebracht werden, stärkt dies die Befürworter eines militärischen Eingreifens der Türkei in den syrischen Bürgerkrieg. In den letzten Wochen hat die türkische Armee bereits Manöver in unmittelbarer Nähe des Grenzstreifens durchgeführt.

junge Welt 22.8.2012


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