Angeblich Sympathie für „Terroristen“

Türkei: Abgeordneter der Oppositionspartei CHP sieht sich nach Freilassung durch die PKK Vorwürfen ausgesetzt

Ein von der Arbeiterpartei Kurdistans PKK gefangengenommener türkischer Oppositionsabgeordneter sieht sich nach seiner Freilassung Vorwürfen der Sympathie mit seinen Entführern ausgesetzt. Der am Sonntag bei einer Straßenkontrolle der Guerilla in der in der Bergprovinz Dersim verschleppte selbst kurdischstämmige Abgeordnete der kemalistischen Republikanischen Volkspartei CHP, Hüseyin Aygün, war am Dienstag abend unversehrt freigelassen worden. Bei der Gefangenname des Abgeordneten handelte es sich offenbar um die spontane Tat einer örtlichen PKK-Einheit, die eine Straßenkontrolle durchführte. Der hochrangige PKK-Kommandant Bahoz Erdal habe über Funk seine Freilassung angeordnet, berichtete Aygün. Die PKK-Kämpfer hätten ihn »ausgesprochen respektvoll« behandelt, erklärte Aygün. »Es gab mir gegenüber keinerlei Drohungen. Sie verlangten lediglich, daß die CHP mehr Anstrengungen darauf verwenden solle, dem Blutvergießen Einhalt zu gebieten.« Ziel der Aktion sei es gewesen, an Ankara eine Friedensbotschaft und die Forderung nach einem Waffenstillstand zu richten.

Es sei eine Schande, die »Banditen«, die ihn gekidnappt hatten, als höfliche junge Leute zu bezeichnen, kritisierte EU-Minister Egemen Bagis von der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP Aygüns Erklärung. Der AKP-Abgeordnete Samil Tayyar mutmaßte über Twitter, daß Aygün seine Entführung nur vorgetäuscht habe und die CHP Kontakte zur PKK unterhalte. Auch im nationalistischen Flügel seiner eigenen Partei stießen Aygüns Bemerkungen auf Widerspruch. Der der CHP-Parteiversammlung angehörende Vorsitzende der Rechtsanwaltskammer von Ankara, Metin Feyzioglu, warf seinem Parteigenossen »Sympathie für eine Terrororganisation« vor, während Parteivizechef Faruk Logoglu klarstellte, daß Aygüns Erklärung nicht die Meinung der Partei wiederspiegle. Aufgrund der Proteste mehrerer CHP-Abgeordneter hat nun der selbst aus Dersim stammende Parteivorsitzende Kemal Kilicdaroglu Aygün zur Aussprache nach Ankara vorgeladen, meldete die Zeitung Hürriyet Daily News am Donnerstag. »Ich werde weiterhin meine kurdischen Brüder und den Frieden verteidigen – trotz der zweitägigen Gefangenschaft und der PKK-Drohungen, die der Überzeugung der Dersimer Bevölkerung widersprechen«, stellte Aygün unterdessen über Twitter klar.

Nach einer von der Guerilla vorgelegten Statistik war der Monat Juli der für die türkische Armee seit Jahren verlustreichste Monat. Demnach wurden im vergangenen Monat 278 Soldaten und Polizisten bei Guerillaangriffen und Gefechten getötet, die PKK verzeichnete 22 gefallene Kämpfer. Fünf Hubschrauber wurden abgeschossen und zehn Panzerwagen zerstört. Zunehmend richten sich die Aktionen der Guerilla auch gegen zivile Kollaborateure des Staates. Innerhalb der letzten vier Monate wurden demnach 115 Fahrzeuge, die beim Bau von Militäranlagen und Staudämmen eingesetzt wurden, zerstört und 70 Personen in Gewahrsam genommen. So wurden in dieser Woche elf Arbeiter, die auf der Baustelle eines Militärflughafens in der Provinz Yüksekova beschäftigt waren, von der Guerilla gefangengenommen. In der Regel kamen alle Gefangenen nach einem Verhör und der Zusicherung, nicht weiter für den Staat zu arbeiten, nach kurzer Zeit wieder frei.

junge Welt 17.8.2012


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