Aufmarsch an den Grenzen

Nach kurdischer Machtübernahme in Nordwestsyrien machen Ankara und Erbil mobil

Nachdem kurdische Volksverteidigungskomitees die Kontrolle über Städte in Nordsyrien übernommen haben, machen sowohl die türkische Regierung als auch der Präsident der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, Masud Barsani, mobil. Mit der Kleinstadt Girke Lege übernahmen die kurdischen Komitees am Dienstag bereits die fünfte Stadt nach Kobani, Derek, Amouda und Afrin. Die kurdischen Parteien rechnen damit, daß ihnen bald auch die größte syrisch-kurdische Stadt Qamischlo mit 400000 Einwohnern von der Baath-Administration übergeben wird. Entsprechende Verhandlungen laufen bereits.

200 Kleinbusse brachten am Dienstag türkische Soldaten in die auf türkischer Seite direkt an Qamischlo grenzende Stadt Nusaybin, während Kampfhubschrauber zur Aufklärung über dem Grenzgebiet flogen. Ein von der Nachrichtenagentur Dogan ausgestrahltes, mit einem Mobiltelefon aufgenommenes Video zeigte außerdem kilometerlange Marschkolonnen kurdischer Soldaten in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak. Einige der unbewaffneten Soldaten riefen: »Wir sind auf dem Weg, Qamischlo einzunehmen.« Es handle sich um nachträglich im Nordirak ausgebildete kurdische Deserteure der syrischen Armee, erklärte Barsani gegenüber dem Sender Al-Dschasira. Nur wenn der Hohe kurdische Rat sein Einverständnis erklärte, würden die Soldaten nach Syrien geschickt, um das »Sicherheitsvakuum« in den kurdischen Städten nach Abzug der Regierungskräfte zu füllen.

Dem im Juni in Erbil gebildeten Rat der syrischen Kurden gehören jedoch sowohl zahlreiche von Barsani finanzierte Oppositionsgruppen als auch die Partei der Demokratischen Einheit, PYD, an. Diese Schwesterpartei der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gilt als die dominante Kraft unter den syrischen Kurden. Durch syrisch-kurdische PKK-Guerillakämpfer verstärkt, verfügt sie bislang als einzige kurdische Partei über eine nennenswerte Zahl bewaffneter Kräfte in Syrien. Ein Einmarsch der im Nordirak ausgebildeten Soldaten würde das innerkurdische Kräfteverhältnis zugunsten Barsanis verbessern. Dies wäre im Interesse Ankaras. Nachdem sich die Beziehungen zwischen der Türkei und dem lange als »Terroristenunterstützer« geschmähten Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Irak aufgrund von Erdölgeschäften verbessert haben, hofft Ankara, mit seiner Hilfe den Einfluß der PKK zurückzudrängen.

»Damaskus hat die Region der PYD überlassen, um Truppen für den Kampf mit der Freien Syrischen Armee in das Innere des Landes abzuziehen und gleichzeitig die Türkei einzuschüchtern«, hieß es am Mittwoch in der Zeitung Hürriyet Daily News unter Berufung auf »glaubwürdige türkische Quellen«.

Ankaras Vertreter zeigten sich gegenüber der regierungsnahen Tageszeitung Todays Zaman zudem zuversichtlich, daß die syrische Opposition keine kurdische Autonomie unter Mitwirkung PKK-naher Kräfte dulden werde. »Wir haben die Anweisung gegeben, daß in Syrien keine andere als die syrische Fahne gehißt wird«, versicherte in diesem Sinn der Vorsitzende des Syrischen Nationalrates, Abdel Baset Seid, gegenüber der Presse. Zuvor hatte es Bilder gegeben, die zeigten, daß auf öffentlichen Gebäuden in den kurdischen Städten sowohl die kurdische als auch PKK-Fahnen gehißt wurden. Vertreter der Freien Syrischen Armee erklärten, niemals die Bildung eines kurdischen Staates in Syrien zu erlauben.

junge Welt 26.7.2012


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