Mehr Schutz gefordert

Nach dem Mord an Semanur Subay: Kurdisch-deutsche Fraueninitiativen protestieren gegen ­häusliche Gewalt. Ehegattenunabhängiges Aufenthaltsrecht kann helfen

Von Claudia Wangerin

Kurdisch-deutsche Fraueninitiativen haben den Mord an ­Semanur Subay in Berlin-Kreuzberg zum Anlaß genommen, gegen häusliche Gewalt und die rechtlichen Rahmenbedingungen zu protestieren, durch die hinzugezogene Frauen ihr häufig ausgeliefert sind. Unter dem Motto »Wieder ein Opfer, wieder eines zuviel« demonstrierten am Freitag abend rund 250 kurdische, türkische und deutsche Frauen sowie einige Männer durch die Berliner Stadtteile Kreuzberg und Neukölln. Sie forderten nicht nur eine konsequente Strafverfolgung der Täter, sondern vor allem Präventionsmaßnahmen wie den besseren Schutz für betroffene Migrantinnen durch ein ehegattenunabhängiges Aufenthaltsrecht, mehr Beratungsangebote und eine flächendeckende Finanzierung für Schutzeinrichtungen wie Frauenhäuser durch Bund und Länder.

Auf Kurdisch, Deutsch und Türkisch riefen die Demonstrantinnen »Wir verachten Frauenmörder« und »Unser Leben, unsere Körper gehören uns«.

Die 31jährige Semanur Subay stammte aus dem kurdischen Südosten der Türkei und war nach einer früh arrangierten Ehe ihrem in Deutschland aufgewachsenen Mann nach Berlin gefolgt. Er hatte sich im Lauf der Ehe als zunehmend gewalttätig entpuppt und seine trennungswillige Frau in der Nacht zum 4. Juni ermordet, geköpft und zerstückelt. Offensichtlich im Blutrauch hatte er die Leichenteile von der Dachterrasse in den Hof geworfen.

»Wir sind wütend und traurig«, hatten die Demonstrantinnen am Freitag in Berlin auf Pappschilder geschrieben. Neben dem Porträt des jüngsten Mordopfers waren auch Schilder zu sehen, die an die 2005 in Berlin erschossene Hatun Sürücü erinnerten, deren Bruder wegen des Mordes zur Zeit eine Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten absitzt. Als Motiv hatte er sinngemäß angegeben, daß ihm die Emanzipation seiner Schwester von der islamisch-konservativen Familie ein Dorn im Auge war.
Aktion „Ich lese die junge Welt, weil es wichtig ist, eine politische Heimat zu haben.“
Steffen Weidner, 14806 Belzig

Bei der Abschlußkundgebung am Oranienplatz wies eine Rednerin darauf hin, daß häusliche Gewalt und Vergewaltigung laut Weltgesundheitsorganisation das Leben von Frauen unter 44 Jahren global stärker gefährden als Krankheiten wie Krebs und Malaria, Verkehrsunfälle oder Kriege. »Schade, daß sich immer erst etwas bewegt, wenn wieder etwas Schlimmes passiert ist«, bemerkte eine Demonstrantin. Die 31jährige Juristin Leyla Boran wünscht sich in solchen Fällen eine Berichterstattung, die weder verharmlost noch rassistisch instrumentalisiert. Aus ihrer Tätigkeit in der Frauenbegegnungsstätte Utamara e.V. kennt sie auch Fälle von häuslicher Gewalt im deutschen Bildungsbürgertum. Weltweit müsse der »Feminizid«, das Töten von Frauen aufgrund patriarchaler Ehrbegriffe oder im Zusammenhang mit sexueller Gewalt, strafrechtlich konsequent verfolgt werden.

Die Einführung eines Feminizid-Paragraphen in Mexiko sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Boran, die eine Promotion zu diesem Thema plant. In dem lateinamerikanischen Land wirkt es sich sogar strafverschärfend aus, wenn es sich um eine »Beziehungstat« handelt. Die Höchststrafe für »Feminizid« beträgt 60 Jahre. Der Abschreckungswille kommt nicht von ungefähr, gilt doch die mexikanische Stadt Ciudad Juarez aufgrund einer beispiellosen Mordserie als weltweit gefährlichster Ort für Frauen. Die Mehrheitsreligion in diesem Land ist der Katholizismus.

junge Welt 18.6.2012


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