Kollaborateure im Fadenkreuz

Erdogan rechtfertigt Massaker an Dorfbewohnern

Seit Beginn einer großangelegten Militäroperation Mitte Mai kommt es zu teils heftigen Gefechten zwischen der türkischen Armee und Kämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in verschiedenen Regionen des kurdischen Südostens der Türkei. Nach PKK-Angaben wurden dabei seit Ende voriger Woche mindestens zehn Soldaten und drei Guerillakämpfer getötet.

Die PKK hat unterdessen kurdische Kollaborateure zum Ziel von »Bestrafungsoperationen« erklärt. So befindet sich der bei einer Straßenkontrolle der Guerilla gefangengenommene Vorsitzende der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP des Distriktes Kulp, Veysel Celik, seit dem 12. Mai in den Händen der Guerilla. Am 18. Mai wurden bei Kulp auch sechs staatlich besoldete Dorfschützer von der Guerilla festgesetzt. Sie sollen Ende März an einer Militäroperation beteiligt gewesen sein, bei der 15 weibliche Guerillas getötet wurden. »Die Handlanger der faschistischen Regierung werden gerichtet werden«, kündigte die PKK ein Tribunal an. Die laufenden Militäroperationen mit intensivem Beschuß durch Hubschrauber und Panzer würden allerdings das Leben der Gefangenen gefährden. Während türkische Medien mutmaßen, daß die PKK auch für die Erschießung von zwei AKP-Politikern in Diyarbakir und Sirnak vor einer Woche verantwortlich ist, liegen von der Guerilla dazu bislang keine Erklärungen vor.

Unterdessen rechtfertigte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gegenüber Journalisten in ungewohnter Deutlichkeit die Tötung von 34 unbewaffneten Dorfbewohnern im türkisch-irakischen Grenzgebiet von Uludere Ende letzten Jahres bei einem Luftangriff auf eine irrtümlich für Guerillas gehaltene Schmugglerkarawane. »Unsere Streitkräfte haben die nötigen Schritte getan. Diese Region ist Terroristengebiet«, so Erdogan, »in so einer Gegend können die Streitkräfte nicht wissen, ob Ahmet oder Mehmet kommt.« Der kemalistische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu forderte am Dienstag den Rücktritt des Ministerpräsidenten wegen des Uludere-Massakers. Das US-amerikanische Wall Street Journal hatte unter Berufung auf einen hohen Pentagon-Beamten vergangene Woche behauptet, die Zieldaten für den tödlichen Angriff seien durch eine Predator-Drohne des US-Geheimdienstes geliefert worden. Während Pentagon-Sprecher George E. Little auf Nachfrage lediglich eine intensive militärische und Geheimdienstzusammenarbeit mit der Türkei bestätigen wollte, behauptete die türkische Armeeführung, es habe sich um eine türkische Drohne gehandelt.

junge Welt 24.Mai 2012


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