Protest gegen Gülen-Bewegung in Berlin

„Das Volk von Amed hat die Armee des Imam besiegt!“

Mehrere Dutzend Mitglieder des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan YXK und des Kurdistan-Solidaritätskomitees Berlin haben am Montag Abend in Berlin gegen eine Veranstaltung der in der Türkei einflussreichen Fethullah-Gülen-Gemeinde in der Berliner Humboldt-Universität demonstriert. Das Berliner Forum für interkulturellen Dialog, dessen Ehrenvorsitzender Fethullah Gülen ist, hatte zu einer Buchpräsentation einer Veröffentlichung über die Gülen-Bewegung mit der texanischen Soziologin Helen Rose Ebaugh eingeladen. Erwünscht zu der „öffentlichen“ Veranstaltung in der Bibliothek waren nur Gäste, die sich zuvor schriftlich mit Namen angemeldet hatten.
Im Aufruf zur Protestkundgebung mit dem Titel „Fethullah Gülen – ein (grauer) Wolf im Schafspelz“ erklärten die veranstaltenden Gruppen, dass die Gülen-Bewegung keineswegs für Dialog und Toleranz steht: Reißen wir Fethullah Gülen und seiner Bewegung die Maske vom Gesicht – Sie stehen für Kriegstreiberei, Repression, Ausgrenzung und Aufruf zum Massenmord in den kurdischen Provinzen der Türkei.“ Die Veranstalter der Protestaktion machten gleich zu Beginn der Kundgebung deutlich, dass sich ihr Protest nicht gegen die religiöse Überzeugung der Gülen-Anhänger richte, sondern allein gegen die politischen Machenschaften der Bewegung, die führende Positionen im türkischen Staatsapparat besetzt und ein enges Bündnis mit der Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Erdogan eingegangen ist.
Als einen »außergewöhnlich talentierten Akademiker« wollte die US-Einwanderungsbehörde, bei der sich Gülen mit dieser Selbsteinschätzung 2008 um eine Greencard bewarb, den Prediger mit seiner abgebrochener Grundschulbildung nicht gelten lassen. Vielmehr bezahle Gülen Akademiker dafür, über ihn und seine Bewegung zu berichten. „Ich weiß nicht, ob die texanische Wissenschaftlerin Ebaugh hier eine bezahlte Auftragsarbeit vorgelegt hat, oder einfach naiv ist. Aber in ihrer angeblich wissenschaftlichen Untersuchung lässt die Soziologin jegliche Distanz zur Gülen-Bewegung vermissen und nimmt deren Selbsteinschätzung als tolerante, demokratische und unpolitische Bildungsbewegung für bare Münze“, erklärte der Journalist Dr. Nick Brauns, der das in der Universität präsentierte Buch für die Tageszeitung junge Welt rezensiert hat. „Ebaugh bezeichnet Gülen als Verfechter der Demokratie und unterschlägt dabei, dass beim Militärputsch 1980 die Armee als Retter des Vaterlandes feierte. Auch den vom Militär erzwungenen Rücktritt von Ministerpräsident Erbakan 1997 unterstütze Gülen aktiv mit einer Fernsehansprache.“
Die Demonstranten hielten auch Cover des Buches „Die Armee des Imam“ des Enthüllungsjournalisten Ahmet Sik hoch. Wegen dieses Buches über die Unterwanderung der Polizei durch Gülen-Anhänger war Sik vor einem Jahr verhaftet worden. Er und sein Kollege Nedim Sener, der sich ebenfalls kritisch mit den Machenschaften der Gülen-Bewegung innerhalb der Polizei auseinandergesetzt hatte, kamen vor einer Woche nach einjähriger Untersuchungshaft frei. Ein Verfahren wegen Terrorismus und Vorbereitung eines Militärputsches läuft gegen die beiden militärkritischen Journalisten weiter. In der Türkei befinden sich über 100 weitere laizistische, prokurdische und linke Journalistinnen und Journalisten unter fingierten Terrorismusvorwürfen im Gefängnis – mehr als in jedem anderen Land der Erde.
„Am Wochenende hat das Volk von Amed der Armee des Imam eine Niederlage beigebracht“, erklärte Nick Brauns. „Eine Million Kurdinnen und Kurden haben trotz Polizeiterror und Verbot in Amed ihr Freiheitsfest Newroz gefeiert. Nun geht es darum, die Gülen-Armee ganz aus Kurdistan rauszuschmeißen.“ Die Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion Heidrun Dittrich, die im vergangenen Juni als Wahlbeobachterin in Kurdistan war, forderte in einem Redebeitrag die Einleitung eines Dialogs aller Beteiligten einschließlich der PKK. Nur so könne das Blutvergießen beendet und eine Friedenslösung gefunden werden. Die Gülen-Bewegung sabotiert dagegen einen solchen Dialog. Der großtürkische Nationalist Gülen lehnt strikt jede Verhandlungslösung in der kurdischen Frage ab. Im vergangenen Oktober rief er die türkische Armee zum Massenmord an Freiheitskämpfern aufruft. Kurze Zeit später setzte die Armee chemische Waffen gegen die Guerilla ein. Doch die Wissenschaftlerin Ebaugh sieht in der die Gülen-Bewegung eine „Förderin des Dialogs und des Weltfriedens“.
Ein Sprecher des Kurdistan-Solidaritätskomitees kündigte an, nach dieser wohl ersten öffentlichen Protestveranstaltung gegen die Gülen-Bewegung in Deutschland zukünftig verstärkt über die totalitären Ambitionen der Gülen-Gemeinde aufklären zu wollen. Im Anschluss an die Protestkundgebung begab sich ein Großteil der Teilnehmenden in das Deutsch-Mesopotamische Bildungszentrum. Dort findet zur Zeit ein zweitätiger Solidaritätshungerstreik mit mehreren Hundert kurdischen politischen Gefangenen in der Türkei statt, die sich seit Mitte Februar in einem unbefristeten Hungerstreik für ihre Rechte befinden. Zu den zentralen Forderung der Hungerstreikenden zählt die Freilassung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan und die Einleitung eines Dialoges für eine politische Lösung der kurdischen Frage. Allein innerhalb der letzten drei Jahre wurden über 10.000 kurdische Politikerinnen und Politiker und zivilgesellschaftliche Aktivisten fest- und 6300 von ihnen in Untersuchungshaft genommen, darunter allein sechs Abgeordnete und 17 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Für die Verhaftungen zuständig sind Sonderstaatsanwaltschaften und Polizeieinheiten, die von den Kadern der Gülen-Bewegung kontrolliert werden. In ihren auflagenstarken Medien wie der Tageszeitung Zaman rechtfertigt die Gülen-Bewegung die Verhaftungen und begleitet diese mit regelrechten Rufmordkampagnen.


0 Antworten auf „Protest gegen Gülen-Bewegung in Berlin“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs − fünf =