Kein Toleranzpreis für Erdogan

Bochum: Großdemonstration gegen Auszeichnung des türkischen Ministerpräsidenten

Die massiven Proteste gegen die geplante Auszeichnung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit dem Ruhrpottpreis »Steiger-Award« haben zum Erfolg geführt. Die Jury zog am Samstag den Preis an Erdogan zurück und begründete dies mit dessen Abwesenheit. Erdogan hatte am Freitag seinen Deutschlandbesuch kurzfristig aufgrund des Absturzes eines türkischen Militärhubschraubers mit 17 Todesopfern in Afghanistan abgesagt. Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, Ali Dogan, sieht darin nur eine Schutzbehauptung. »Wir fühlen uns nicht von Erdogan repräsentiert. Er ist ein lupenreiner Antidemokrat«, erklärte Dogan am Samstag vor rund 22000 Teilnehmern einer Protestkundgebung der in der Türkei diskriminierten Glaubensgemeinschaft der Aleviten im Bochumer Fußballstadion. Für besondere Empörung unter den Aleviten sorgte die vergangene Woche von einem Gericht in Ankara verkündete Verfahrenseinstellung wegen »Verjährung« gegen Teilnehmer eines Pogroms von Faschisten und Islamisten gegen alevitische Künstler und Intellektuelle, bei dem 1993 in der Stadt Sivas 34 Menschen getötet wurden. »Hier werden Menschenrechte verSteigert« hieß es auf einem schwarzen Trauerkranz an der Spitze der alevitischen Großdemonstration. Auch mehrere hundert Mitglieder kurdischer und armenischer Verbände und linker Organisationen demonstrierten gegen Erdogan.

Der vom Bochumer Medienunternehmer Sascha Hellen initiierte Prominentenpreis Steiger-Award soll Menschen ehren, die sich durch Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz auszeichnen. Die Preisvergabe an Erdogan wurde mit dessen angeblichem Engagement für die Demokratisierung der Türkei und mit deren wirtschaftlicher Bedeutung begründet. Migrantenverbände, Menschenrechtsorganisationen und der Journalistenverband verwiesen dagegen auf die Verdoppelung der Zahl politischer Gefangener, die andauernde Diskriminierung und Unterdrückung von Kurden und Aleviten, massive Angriffe auf die Pressefreiheit und die Leugnung des Genozids an den Armeniern durch Erdogans islamisch-konservative AKP-Regierung. Neben Politikern von Linkspartei und Grünen kritisierte auch CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt die Preisvergabe an Erdogan, der keinen Toleranz- sondern einen Intoleranzpreis verdiene.

junge Welt 19.3.2012


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