Erdogan contra Kemalisten

Türkei: Untersuchungsausschuß zum Dersim-Massaker 1937/38 eingesetzt

Ein in dieser Woche eingesetzter Untersuchungsausschuß des türkischen Parlaments soll eines der größten Massaker in der Geschichte der Republik aufklären. Bis zu 70000 alevitische Kurden in der Bergregion Dersim waren 1937/38 von der Armee durch Bomben und Giftgas getötet und weitere Zehntausende anschließend deportiert worden. Als Dersim-Aufstand gingen die Ereignisse in die Geschichte ein. Doch die bäuerlichen Partisanen unter Führung des hingerichteten Geistlichen Seyid Riza verteidigten sich vor allem selbst, als die Regierung der Region die traditionellen Autonomierechte nahm, die kurdische Sprache verbot und Dersim in Tunceli (Bronzefaust) umbenannte, um selbst den Namen der rebellischen Region vergessen zu machen.

Die Aufarbeitung der Massentötungen 1937/38 in Dersim und ihre Anerkennung als Völkermord wurden in den vergangenen Jahren auf internationalen Konferenzen kurdischer und alevitischer Verbände gefordert. Hunderte Überlebende und Nachfahren der Opfer haben Petitionen an das türkische Parlament gerichtet, in denen sie Entschädigungen oder Aufklärung über das Schicksal von Angehörigen verlangen. Ein erster Abfindungsprozeß wird demnächst vor dem Gerichtshof in Tunceli stattfinden. Der heute 83jährige Ali Dogan hatte als Achtjähriger schwer verletzt ein Massaker überlebt, bei dem 20 seiner Angehörigen niedergemetzelt wurden. Nun fordert er von Staatspräsident Abdullah Gül als Repräsentant der Republik Türkei eine symbolische Entschädigung von einer Million Lira (430000 Euro).

Der Untersuchungsausschuß soll jetzt Dokumente im Archiv des Generalstabs sichten und noch lebende Zeitzeugen der Massaker anhören. Allerdings geht die herrschende islamisch-konservative AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoganheute selbst mit Militär und Polizei gegen kurdische Rebellen vor. Die Einrichtung des Untersuchungsausschusses ist denn auch weniger der Suche nach historischer Wahrheit als parteipolitischem Kalkül geschuldet. Die Regierung hofft wohl nicht zu Unrecht, so die kemalistische Republikanische Volkspartei CHP in den Augen ihrer alevitischen Wähler vorführen zu können, die aus Angst vor einer Islamisierung des Landes in Dersim mehrheitlich für die Laizisten votiert hatten. Zwar ist der CHP-Vorsitzende Kemal Kilicdaroglu auch ein Alevit aus Dersim, dessen Familie 1937/38 am Aufstand beteiligt war. Doch aus Rücksicht auf den starken nationalistischen Flügel seiner Partei weigert sich Kilicdaroglu bislang, die Verantwortung von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk für das Dersim-Massaker anzuerkennen. Im vergangenen November hatte es vehemente Proteste aus der Basis gegeben, als der CHP-Abgeordnete Hüseyin Aygün es einen »Mythos« nannte, daß Mustafa Kemal nichts von dem Massaker gewußt habe. Schließlich hatte Atatürk Dersim als »innere Wunde« und »abstoßendes Krebsgeschwür« bezeichnet, das die Regierung »um jeden Preis beseitigen und auslöschen« müsse. Ministerpräsident Erdogan hatte im vergangenen Herbst erklärt: »Wenn nötig, entschuldigen wir uns«. Er fügte aber hinzu, daß dies eigentlich die Aufgabe der CHP sei, die in den 30er Jahren als Staatspartei die Verantwortung getragen habe.

junge Welt 24.2.2012


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