Pfefferspray gegen Erdbebenopfer


Türkische Regierung nutzt Naturkatastrophe zur Vertreibung rebellischer Kurden

Während weiterhin Nachbeben im Wochentakt die Erdbebenregion im kurdischen Osten der Türkei erschüttern, gleicht Van, das einstmals 600000 Einwohner zählte, inzwischen einer Geisterstadt. Die Mehrheit der Bevölkerung hat die Stadt verlassen und Unterkunft bei Verwandten in anderen Landesteilen gesucht. »Nur noch die Armen, ausländische Helfer und Verrückte wie wir sind geblieben«, berichtet eine Apothekerin gegenüber junge Welt. Diejenigen, die nicht gegangen sind, müssen oft trotz winterlicher Minusgrade in Zelten leben. Mehrere Kinder starben bereits, als die mit Öfen beheizten leichten Sommerzelte Feuer fingen. Winterfeste Zelte werden nur an Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP vergeben, beklagen Erdbebenopfer und ausländische Beobachter. Diejenigen, die nicht die AKP unterstützen, haben keine andere Wahl, als zu migrieren oder in provisorischen Zelten zu überleben.

Inzwischen wird immer deutlicher, daß die Regierung die Naturkatastrophe nutzt, um diese Hochburg der kurdischen Befreiungsbewegung, in der die Mehrheit der Bevölkerung die linke Partei für Frieden und Demokratie BDP gewählt hat, zu befrieden. »Van ist fortan offen für demographische Veränderungen«, warnt Memo Sahin vom Kölner Hilfsverein Pro Humanitate e.V. nach einem Besuch im Erdbebengebiet. »So wurde ein Brandherd durch eine Naturkatastrophe zur Ruhe gebracht. Die Herrschaften in Ankara können sich fröhlich die Hände reiben.« AKP-Politiker haben bereits Pläne geäußert, die Stadt Van an anderer Stelle völlig neu errichten zu wollen.

Über 600 Menschenleben hatte das Erdbeben der Stärke 7,2 am 23. Oktober gekostet. 40 weitere Menschen, vor allem Helfer und Journalisten, starben zwei Tage später beim Einsturz eines Hotels durch ein Nachbeben. Doch tagelang hatte die Regierung ausländische Hilfe abgelehnt. Als dann – für viele Verschüttete zu spät – ausländische Bergungsteams ins Land gelassen wurden, erklärte Vizepremier Besir Atalay, die Regierung habe ihre »Einsatzfähigkeit bei einer Katastrophe« testen wollen. Hilfslieferungen anderer kurdischer Stadtverwaltungen, von BDP-Ortsgruppen und Gewerkschaften wurden oft bei der Ankunft im Erdbebengebiet von der Militärpolizei beschlagnahmt. »Aus allen Landesteilen wurden Hilfsgüter geschickt, aber wir wissen nicht, wohin diese Güter gelangten«, berichtet Muharrem Aydinli, der durch das Beben obdachlos wurde, gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur Firat. »Diejenigen mit guten Beziehungen zum Gouverneur oder zur AKP waren die ersten, die die von der Polizei und Gendarmerie kontrollierten Hilfsgüter erhielten.« Gegen protestierende Erdbebenopfer, die mangelnde Hilfe durch den Staat beklagten, ging die Polizei dagegen mit Pfefferspray vor.

junge wPfefferspray gegen Erdbebenopfer
Türkische Regierung nutzt Naturkatastrophe zur Vertreibung rebellischer Kurden
Von Nick Brauns
Während weiterhin Nachbeben im Wochentakt die Erdbebenregion im kurdischen Osten der Türkei erschüttern, gleicht Van, das einstmals 600000 Einwohner zählte, inzwischen einer Geisterstadt. Die Mehrheit der Bevölkerung hat die Stadt verlassen und Unterkunft bei Verwandten in anderen Landesteilen gesucht. »Nur noch die Armen, ausländische Helfer und Verrückte wie wir sind geblieben«, berichtet eine Apothekerin gegenüber junge Welt. Diejenigen, die nicht gegangen sind, müssen oft trotz winterlicher Minusgrade in Zelten leben. Mehrere Kinder starben bereits, als die mit Öfen beheizten leichten Sommerzelte Feuer fingen. Winterfeste Zelte werden nur an Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP vergeben, beklagen Erdbebenopfer und ausländische Beobachter. Diejenigen, die nicht die AKP unterstützen, haben keine andere Wahl, als zu migrieren oder in provisorischen Zelten zu überleben.

Inzwischen wird immer deutlicher, daß die Regierung die Naturkatastrophe nutzt, um diese Hochburg der kurdischen Befreiungsbewegung, in der die Mehrheit der Bevölkerung die linke Partei für Frieden und Demokratie BDP gewählt hat, zu befrieden. »Van ist fortan offen für demographische Veränderungen«, warnt Memo Sahin vom Kölner Hilfsverein Pro Humanitate e.V. nach einem Besuch im Erdbebengebiet. »So wurde ein Brandherd durch eine Naturkatastrophe zur Ruhe gebracht. Die Herrschaften in Ankara können sich fröhlich die Hände reiben.« AKP-Politiker haben bereits Pläne geäußert, die Stadt Van an anderer Stelle völlig neu errichten zu wollen.

Über 600 Menschenleben hatte das Erdbeben der Stärke 7,2 am 23. Oktober gekostet. 40 weitere Menschen, vor allem Helfer und Journalisten, starben zwei Tage später beim Einsturz eines Hotels durch ein Nachbeben. Doch tagelang hatte die Regierung ausländische Hilfe abgelehnt. Als dann – für viele Verschüttete zu spät – ausländische Bergungsteams ins Land gelassen wurden, erklärte Vizepremier Besir Atalay, die Regierung habe ihre »Einsatzfähigkeit bei einer Katastrophe« testen wollen. Hilfslieferungen anderer kurdischer Stadtverwaltungen, von BDP-Ortsgruppen und Gewerkschaften wurden oft bei der Ankunft im Erdbebengebiet von der Militärpolizei beschlagnahmt. »Aus allen Landesteilen wurden Hilfsgüter geschickt, aber wir wissen nicht, wohin diese Güter gelangten«, berichtet Muharrem Aydinli, der durch das Beben obdachlos wurde, gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur Firat. »Diejenigen mit guten Beziehungen zum Gouverneur oder zur AKP waren die ersten, die die von der Polizei und Gendarmerie kontrollierten Hilfsgüter erhielten.« Gegen protestierende Erdbebenopfer, die mangelnde Hilfe durch den Staat beklagten, ging die Polizei dagegen mit Pfefferspray vor.

Junge Welt 9.12.2011


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