»Wir haben hier alle Angst«

Türkei: Polizei und Armee schüchtern kurdische Trauergäste ein

Von Claudia Wangerin, Batman

Während die türkische Armee nach Medienberichten eine Bodenoffensive gegen mutmaßliche Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak vorbereitet, fühlen sich viele Kurden im Südosten der Türkei an den Staatsterror der 1990er Jahre erinnert.

Türkische Behörden und Medien beschuldigten am Dienstag die PKK, die hochschwangere Zivilistin Mizgin Doru und ihre vierjährige Tochter in Batman erschossen zu haben. Unterdessen verhielten sich Polizei und Militär bei der Trauerfeier in Örmegöz, dem Heimatdorf der Getöteten, wie Besatzer. Soldaten mit Maschinengewehren standen auf den Dächern und umliegenden Hügeln, den Blick auf das Dorf gerichtet. Vor dem Trauerhaus stand etwa ein halbes Dutzend Zivilpolizisten. Die Trauerfeier sollte nicht zum »Serhildan«, so das kurdische Wort für Volksaufstand, ausarten. »Sie wollen nicht, daß wir hierher kommen. Sie prägen sich jedes Gesicht ein. Aber wir sind trotzdem hier«, sagte eine Teilnehmerin mit Blick auf Polizei und Militär gegenüber junge Welt.

Neben Angehörigen und Nachbarn waren Vertreter der Partei für Frieden und Demokratie (BDP) und des Frauenrats aus dem wenige Kilometer entfernten Batman erschienen. Augenzeugen hatten der offiziellen türkischen Version widersprochen. Dies berichteten sowohl die kurdische Nachrichtenagentur Firat als auch BDP-Politiker, die Überlebende der Schießerei im Krankenhaus besucht hatten. Dort lag auch das Baby der Toten, das durch Kaiserschnitt gerettet werden konnte, in einem Inkubator.

Die türkischen Sicherheitsbehörden hatten die Bluttat in der Nacht zum Dienstag als von der PKK eröffneten Schußwechsel mit der Polizei dargestellt, dem Mizgin Doru und ihre Tochter zum Opfer gefallen seien. Ein Polizeifahrzeug verfolgte demnach drei mutmaßliche PKK-Guerillas, die daraufhin zu schießen angefangen hätten. Die zivilen Opfer hätten sich zufällig mit ihrem Wagen in der Nähe befunden, teilte die Polizei mit. Die drei kurdischen Aufständischen seien wenig später in einem leerstehenden Gebäude erschossen worden. Danach wütete eine Spezialeinheit der Polizei weiter in der Stadt, zerschoß Fensterscheiben und beschimpfte die Anwohner.

Die überlebenden Zivilisten, darunter der Ehemann von Mizgin Doru und ein schwer traumatisiertes Kind, sagten dagegen laut BDP und Firat News, die Polizei habe das Feuer eröffnet. Außerdem seien die Schüsse auf das Zivilfahrzeug und der Schußwechsel der Guerillakämpfer mit der Polizei zwei getrennte Ereignisse gewesen. Es gebe sowohl einen räumlichen als auch einen zeitlichen Abstand dazwischen. Letzterer wurde von verschiedenen Zeugen mit zwei bis zehn Minuten angegeben. Die Orte, die sich jW-Korrespondenten zeigen ließen, liegen bei normalem Tempo etwa zwei Autominuten voneinander entfernt.

Nach dem Totengebet in Örmegöz machte eine BDP-Vertreterin die türkische Regierungspartei AKP für den Tod der Zivilistinnen verantwortlich. »Die AKP will keine friedliche Lösung«, sagte sie. Dafür sprächen auch die Verhaftungen zahlreicher BDP-Bürgermeister in den kurdischen Gebieten wegen angeblicher PKK-Unterstützung.

»Wir haben hier alle Angst«, sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Batman. »Wir kehren in die 90er Jahre zurück.« Damals waren willkürliche Verhaftungen, Folter und Morde an politischen Aktivisten durch unbekannte Täter in Batman an der Tagesordnung.

»Das war die Poizei, nicht die Guerilla«, bekräftigte ein junger Mann im Warteraum des Busbahnhofs von Batman beim Anblick der Nachrichtenbilder vom Tatort. Die anderen Fahrgäste nicken. Die PKK hat erst vor wenigen Tagen die versehentliche Tötung von Zivilistinnen in Siirt als schrecklichen Fehler zugegeben und sich beim Volk entschuldigt. Der Vorfall war ein Schock, machte aber nach Ansicht vieler Kurden auch deutlich, daß die PKK so etwas nicht vertuschen würde. Das Fernsehen zeigt Patronenhülsen auf der Straße. Dann ist ein winziges Baby in einem Inkubator auf dem Bildschirm zu sehen.

junge Welt 29.9.2011


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