Warnung vor Sturm auf Kandil

Iranische Offensive gegen kurdische Guerillas im Grenzgebiet zu Irak

Die iranische Armee bereitet sich offenbar darauf vor, in den Kandil-Bergen im iranisch-irakischen Grenzgebiet, die Stützpunkte kurdischer Guerillaorganisationen zu zerschlagen. Hier haben sowohl die Arbeiterpartei Kurdistans PKK wie auch ihre iranisch-kurdische Schwesterorganistion, die Partei für ein freies Leben in Kurdistan PJAK, ihre Hauptquartiere mit Tausenden Guerillakämpfern.

Seit Beginn der iranischen Offensive gegen die PJAK am 16. Juli in der Grenzregion von Xinere und Xakurke wurden nach iranischen Angaben Dutzende Guerillas getötet und drei Camps auf nordirakischem Territorium erobert. Dagegen meldete die PJAK acht gefallene Kämpfer und gibt die Zahl der getöteten Soldaten und Revolutionsgardisten mit 225 an, darunter drei namentlich genannte iranische Generäle. Bei der Bombardierung wurden zudem mindestens drei Zivilisten getötet. 800 Bewohner seien aus ihren Dörfern im Nordirak geflohen, meldet das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.

Nach PKK-Angaben hat die irani­sche Armee 30 000 Soldaten und schwere Waffen im Grenzgebiet zusammengezogen. »Ihr Ziel ist letztlich der Einmarsch in die Kandil-Berge«, befürchtet der PKK-Oberkommandierende Murat Karayilan. Die PKK habe Iran nicht den Krieg erklärt. Doch wenn die Angriffe nicht gestoppt würden, sei die PKK bereit, gemeinsam mit der PJAK die von ihr seit mehr als zehn Jahren kontrollierte Region im iranisch-irakisch-türkischen Grenzgebiet zu verteidigen.

Die irakische Regierung und die kurdische Regionalregierung haben Untersuchungskommissionen ins Grenzgebiet geschickt, hüllen sich aber ansonsten in Schweigen. So dementierte der kurdische Minister für die Peschmerga-Truppe, Jabbar Yawar, ebenso wie das irakische Innenministerium, daß es zu Grenzverletzungen durch die iranischen Truppen gekommen sei. Mahmoud Osman, ein unabhängiger Abgeordneter im kurdischen Regionalparlament, beschuldigt daher die irakische Regierung, gemeinsam mit der Türkei und dem Iran eine Allianz gegen PKK und PJAK gebildet zu haben. Auch die US-Besatzungstruppen, die die Türkei mit Geheimdienstinformationen über die PKK-Guerillastellungen versorgen, seien Teil dieser Allianz, denn das türkische Militär gebe diese Informationen an die Iraner weiter. Wie örtliche Beobachter gegenüber der kurdischen Agentur Firat äußerten, sollen rund 300 türkische Kommandosoldaten zur Unterstützung der iranischen Offensive im Einsatz sein.

Die USA hatten zuerst versucht, die seit ihrer Gründung 2004 auch bewaffnet für Autonomierechte der Kurden im Iran eintretende PJAK zur Destabilisierung des Landes zu nutzen. Nachdem die Organisation sich einer solchen Instrumentalisierung versperrte, wurde sie von den USA 2009 auf ihre Liste terroristischer Organisationen gesetzt.

Um eine Lösung der kurdischen Frage in Iran ohne äußere Einmischung zu ermöglichen, hatte die PJAK seit 2009 einen Waffenstillstand verkündet. Die jetzige iranische Militäroffensive scheint außenpolitische Ursachen zu haben. Da die Türkei auf die harte NATO-Linie gegenüber Syrien eingeschwenkt ist, droht Iran eine weitere Isolation in der Region. Mit dem Ausspielen der antikurdischen Karte soll offenbar versucht werden, die Türkei wieder enger an die Seite des Iran zu führen.

Gegenüber Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte dessen iranischer Amtskollege Ali Akbar Salehi am Montag telefonisch, Maßnahmen gegen den als deutschen Staatsbürger in Köln lebenden PJAK-Vorsitzenden Haji Ahmadi zu ergreifen.

junge Welt 28.7.2011


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