Archiv für April 2011

Zwischen Tradition und Aufbruch

Kurdischer Frauenkulturtag im Hamburger Museum für Völkerkunde zeigt eine Gesellschaft im Wandel

Von Claudia Wangerin

Kurdische Frauen tauchen in deutschsprachigen Medien häufig als Opfer einer Gewaltkultur auf. Zwangsheirat, fehlende Bildung und Ehrenmord sind verbreitete Assoziationen. Seltener wird hierzulande über die Selbstorganisierung kurdischer Frauen berichtet. Dabei hat sich seit Beginn des kurdischen Befreiungskampfes im Südosten der Türkei die größte Frauenbewegung des Nahen und Mittleren Ostens entwickelt. Sie ist dort wesentlicher Bestandteil der basisdemokratischen Bewegung und arbeitet eng mit der Partei für Frieden und Demokratie (BDP) zusammen, die in vielen Kommunen die stärkste Partei ist, in allen wichtigen Gremien eine Frauenquote von 40 Prozent hat und zahlreiche Bürgermeisterinnen stellt. Eine Orientierung an »westlichen Werten« ist dabei nicht ihr Programm: »Wenn eine Bewegung eine neue, fortschrittliche Kultur entwickeln will, muß sie prüfen, welche Elemente der traditionellen Kulturen erhalten werden sollen und welche radikal bekämpft werden müssen. In diesem Spannungsfeld befinden sich die kurdischen Frauen«, sagt die Ethnologin Anja Flach vom Frauenzentrum Nûjiyan (Neues Leben) e.V. Sie ist Mitorganisatorin eines Kulturtages unter dem Motto »Kurdische Frauen zwischen Tradition und Aufbruch«, der am Sonntag ab 11 Uhr im Hamburger Museum für Völkerkunde stattfindet.

Vorträge und Filme, aber auch Musik und Tanz geben Einblicke in den enorm lebendigen und dynamischen Prozeß des kulturellen und sozialen Wandels in der Region. Die Frauen, die davon berichten, sind aktiver Teil der Bewegung: Münevver Azizioglu gehört der Demokratischen Freien Frauenbewegung (DÖKH) an; Sultan Öger berichtet über den Kampf um den Erhalt der kurdischen Sprache und das Recht auf muttersprachliche Schulbildung in der Türkei.

Die kurdischen Gebiete erstrecken sich über vier Länder – neben der Türkei gehören Teile Syriens, des Iran und des Irak dazu. Obwohl kurdische Frauen in allen vier Staaten mit patriarchalen Konzepten von Ehre und Schande zu kämpfen haben, konnte Anja Flach in Kurdistan beobachten, »daß Frauen in den Dörfern auch viel Kraft und Selbstbewußtsein haben. Da schimmern noch matriarchale Elemente früherer Kulturen durch. Bei manchen Stämmen in Botan habe ich erlebt, daß die Frauen die Hosen anhaben.«

Doch nicht nur matriarchale Elemente stammten noch aus vorislamischer Zeit, sondern auch vieles, was von der kurdischen Frauenbewegung bekämpft wird – wie etwa Kinderheirat und Polygynie. Die Regisseurin Müjde Arslan beschreibt in einer Dokumentation das Los der Zweitfrauen am Beispiel ihrer gelähmten Tante, die im Alter von 16 Jahren verheiratet wurde. »Kirasê mirinê: Hewîtî« (Das Totenhemd: die Zweitfrau) ist einer der Filme, die für den Kulturtag ausgewählt wurden. Ein Diafilm über das Frauenberatungszentrum Selis in Diyarbakir zeigt dagegen eine Perspektive auf. Neben Beratung und Hilfe bei häuslicher Gewalt bietet Selis Alphabetisierungskurse an und informiert über Gesundheit und Verhütung. Analphabetismus ist immer noch ein großes Problem. Von der Schriftkultur abgeschnittene Frauen haben allerdings über Generationen gelernt, Lieder, Überlieferungen und damit kulturelle Identität mündlich weiterzugeben. Davon handelt der Film »Jinên dengbej« (Sängerinnen), der ebenfalls am Sonntag in Hamburg gezeigt wird.

Die Organisatorinnen wollen zeigen, vor welchen Problemen kurdische Frauen heute stehen, aber auch, für welche traditionellen Werte sie sich einsetzen. »Die Sprache, die Musik, Tänze, aber auch Werte wie Gemeinschaft, eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und Freundlichkeit, das muß man selbst erlebt haben, um es zu beschreiben. Wir hoffen, daß wir davon am Sonntag viel vermitteln können«, sagt Anja Flach. Dazu gibt es kurdische Speisen, Kunsthandwerk und eine offene Werkstatt für Kinder.

junge Welt 1.4.2011

Kurdische Frauen zwischen Tradition und Aufbruch – Kulturtag am Sonntag, dem 3. April, im Museum für Völkerkunde, Rothenbaum­chaussee 64, 20148 Hamburg (U1 Hallerstaße). Weitere Informationen zum Programm: www.rosalux.de/­veranstaltungen.html

Ergenekon-Sonderermittler abgesetzt

Übereifriger Staatsanwalt schadete dem Ansehen der Türkei

Es war ein Paukenschlag in der türkischen Politik. Am Mittwoch wurde der mit Sondervollmachten gegen das mutmaßliche Putschistennetzwerk namens Ergenekon ermittelnde Staatsanwalt Zekeriya Öz von der Justizaufsichtsbehörde seines Amtes enthoben. »Ich habe das nicht erwartet, das war eine Überraschung« erklärte Öz, der zugleich zum stellvertretenden Leiter der Istanbuler Staatsanwaltschaft befördert wurde.

Der tatsächliche Hintergrund seiner als Beförderung getarnten Absetzung als Sonderermittler im Ergenekon-Prozeß gegen Hunderte zum Teil hochrangige Militärs und Vertreter des laizistischen Lagers war allerdings, daß Öz in der letzten Zeit nach der Verhaftung von Journalisten wie Nedim Sener und Ahmet Sik zu stark in die öffentliche Kritik geraten war. Nicht nur von Journalistenverbänden sondern auch von Vertretern der USA und der EU wurden Sorgen über die Pressefreiheit in der Türkei geäußert. Die Regierung nutze das Ergenekon-Verfahren, um mit ihren laizistischen Kritikern abzurechnen, lautete der Vorwurf der kemalistischen Oppositionspartei CHP, die zur Parlamentswahl demonstrativ mehrere inhaftierte Ergenekon-Angeklagte als Kandidaten aufstellen will.

Schließlich hatte Öz vergangene Woche in der Redaktion der liberalen Tageszeitung Radikal, einem Verlag sowie bei den Anwälten des verhafteten Enthüllungsjournalisten Ahmet Sik das Manuskript eines noch nicht publizierten Buches beschlagnahmen lassen. Sik habe Anweisungen zum Verfassen des Buches »Die Armee des Imam« über die Unterwanderung der Polizei durch Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen von Ergenekon erhalten, behauptete Öz.

Die Jagd auf das ungedruckte Buch ging selbst Staatspräsident Abdullah Gül zu weit, der die Inhaftierung der Journalisten Sener und Sik als schädlich für das Ansehen der Türkei bezeichnete. »Nun können sie vermutlich Hunderttausende Exemplare eines Buches verkaufen, das sich sonst nur 10000mal verkauft hätte«, meinte der selbst als Gülen-Anhänger geltende Gül. Nachdem schließlich selbst der im amerikanischen Pennsylvania im Exil lebende Ordensführer Gülen erklärte, niemals gegen ein Buch vorgegangen zu sein, war der Stab über seinen übereifrigen Gefolgsmann Öz gebrochen.

Öz’ letzte Amtshandlung als Ergenekon-Sonderermittler war am Mittwoch die Anordnung von Razzien bei einer Reihe von Religionswissenschaftlern, denen er eine Verwicklung in die Ermordung von drei christlichen Missionaren in Malatya im Jahr 2007 unterstellt. Auch dies scheint nur ein Vorwand zu sein. So wurden bei dem bekannten islamischen Theologen Zekeriya Beyaz Manuskripte eines unvollendeten Buches über Fethullah Gülen beschlagnahmt.

junge Welt 1.4.2011