Die Armee des Imam

Auf der Suche nach einem Manuskript hat die türkische Polizei am Donnerstag einen Verlag und die Redaktion der liberalen Tageszeitung Radikal in Istanbul durchsucht. Ziel der Aktion waren Kopien des unveröffentlichten Buches »Die Armee des Imam«. Der vor zwei Wochen gemeinsam mit weiteren regierungskritischen Journalisten verhaftete Enthüllungsjournalist Ahmet Sik (Foto Mitte, am 5. März vor einem Gericht in Istanbul) beschreibt in diesem Buch, wie die Bewegung des in den USA lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen die türkische Polizei unterwanderte und nun mit Hilfe der Justiz gegen Kritiker der islamisch-konservativen AKP-Regierung vorgeht.

Polizisten forderten im Büroturm der Hürriyet-Mediengruppe, zu der die Radikal gehört, die Herausgabe einer Papierkopie des Buches. Radikal-Redakteur Ertrugrul Mavioglu wurde gezwungen, Dateien des ihm von Sik zur Korrektur überlassenen Werkes auf seinem Computer zu löschen. Auch im Verlag Ithaki, in dem das Buch erscheinen soll, wurden Dateien von der Polizei gelöscht.

Sik sei nicht wegen seines Buches verhaftet worden, sondern wegen seiner Zugehörigkeit zu einem nationalistischen Putschistennetzwerk namens Ergenekon, hatte Staatsanwalt Zekeriya Öz bei der Verhaftung behauptet. »Die Armee des Imam« ziele allerdings auf die Desinformation der Öffentlichkeit und darauf, den Ergenekon-Mitgliedern moralische Unterstützung zukommen zu lassen. Deshalb handle es sich um das Dokument einer terroristischen Vereinigung. So wird die Beschlagnahmung gerechtfertigt.

Eine erste Kopie des Buches war vor einem Monat bei einer Razzia in der Redaktion des regierungskritischen Internetportals odatv.com entdeckt worden, dessen Chefredakteur Soner Yalcin ebenfalls unter dem Verdacht verhaftet wurde, Ergenekon anzugehören. Am vergangenen Wochenende hatten Tausende Journalisten in Istanbul für Pressefreiheit demonstriert. 68 ihrer Kollegen sind zur Zeit in der Türkei inhaftiert – meist unter dem Vorwurf, einer terroristischen Organisation anzugehören.

Seit dem vergangenen Jahr befindet sich auch der ehemalige Polizeichef von Eskisehir, Hanefi Avci, in Haft. Offiziell werden auch dem Polizeioffizier angebliche Kontakte zu einer linksradikalen Stadtguerilla vorgeworfen. Doch kurz vor seiner Verhaftung hatte Avci das Buch »Die Simons vom Goldenen Horn« veröffentlicht, das sich kritisch mit der Gülen-Organisation befaßte.

junge Welt 26.3.2011


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