Schutzgöttinnen

Ein autonomer Frauenrat kämpft in einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nordirak erfolgreich gegen Männergewalt und Patriarchat

Von Ann-Kristin Kowarsch

An vielen Orten Kurdistans und in der Diaspora organisieren sich Frauen basisdemokratisch – und stärken so Selbstbestimmung und politische Willensbildung. Ihr Ziel: eine demokratisch-ökologische, geschlechtergerechte Gesellschaft. Da ist zum Beispiel der Frauenrat »Ischtar« in einem Flüchtlingscamp nahe der südkurdischen Kleinstadt Maxmur, etwa 60 Kilometer südwestlich der nordirakischen Distrikthauptstadt Erbil in der Wüste gelegen. Hier bauten sich Kurden, die Anfang der 90er Jahre vor den militärischen Attacken in den kurdischen Gebieten der Südosttürkei in den Irak geflohen waren, eine Selbstverwaltung auf. Die Frauen im Camp wiederum haben sich mit »Ischtar« eine autonome Struktur geschaffen.

Der Rat ist nach der mesopotamischen Schutzgöttin benannt und stellt das gemeinsame Beschlußgremium aller Frauen im Lager dar. Zu den Einrichtungen, die unter seinem Dach agieren, gehören die Frauenakademie, Frauenzentren, Kindergärten, eine Schneiderei, ein Friseurladen und die Gruppe der Friedensmütter. Aber auch die Arbeit innerhalb der gemischten Strukturen wie beispielsweise im Volksrat, an den Schulen, in der Infrastrukturverwaltung oder im Volksgericht wird im Ischtar-Rat koordiniert. Seine Hauptstandbeine sind die Frauenkomitees in den vier Stadtteilen des Camps. Sie geben Informationen weiter, unterstützen Frauen im Alltag. Zumeist sind ihre Mitglieder auch die ersten Ansprechpartnerinnen bei Fällen von Gewalt in der Familie, Zwangsheiraten und anderen Formen patriarchaler Unterdrückung. In den Straßenzügen organisieren sie regelmäßige Frauenversammlungen und Bildungsarbeit an der Basis. Hier wird auch über lange tabuisierte Themen wie Empfängnisverhütung gesprochen.
Solidarität als Grundlage
Im Gespräch mit jW berichteten drei Mitglieder des Frauenrates von ihrer Arbeit. »Der Ischtar-Rat tagt alle 15 Tage. Alle Probleme von Frauen kommen hier auf die Tagesordnung«, erläutert Sehnaz Amed. Dabei versuche man, »eine gemeinsame Politik sowohl für die Belange von Frauen als auch für das gesamte Camp zu gestalten. Alle zwei Jahre gibt es eine generelle Frauenkonferenz, auf der Kritik und Selbstkritik vorgebracht, Beschlüsse für die zukünftige Arbeit gefaßt und die neuen Vertreterinnen des Ischtar-Rates gewählt werden.«

Zu der Rolle, die das Modell des Rats spielt, meint Sevin Ali Mohammed: »Der Rat ist so etwas wie ein Dach, ein verbindendes Organ aller Fraueninstitutionen im Flüchtlingscamp. Er sichert Solidarität und gleichberechtigte Zusammenarbeit. Wenn Frauen einzeln agieren, können sie nichts verändern. Dann werden wir auch in der Bevölkerung nicht ernstgenommen. Durch unsere Einheit sind Selbstvertrauen und Stärke der Frauen gewachsen, so daß wir unsere Beschlüsse auch umsetzen können.«

Und Reyhan Tepe beschreibt die Beziehungen zwischen »Ischtar« und den gemischten Selbstverwaltungsgremien: »Wir haben unser Camp auf der Grundlage des Demokratischen Konföderalismus in Volksräten organisiert. Ischtar ist unsere autonome Frauenstruktur, wir wählen unsere Vertreterinnen für den Volksrat. Im Volksrat gibt es eine Frauenquote von 40 Prozent. Gäbe es sie nicht, hätten Frauen zu Anfang kaum eine Chance gehabt. Denn die Gesellschaften des Mittleren Ostens sind immer noch patriarchal und sexistisch. Früher standen häufig nur Männernamen auf den Stimmzetteln. Doch heute zeigt sich auch im Wahlverhalten, daß sich Denken und Bewußtsein verändert haben. 2010 ist das erste Mal eine Frau zur Sprecherin des Volksrates gewählt worden. Frauen sind die treibende Kraft der Selbstverwaltungsstrukturen.«

Der Ischtar-Rat hat Regeln für das Zusammenleben aufgestellt. Gewalt gegen Frauen, Zwangsverheiratungen in jungem Alter oder Brautgeldforderungen werden geahndet. Die Strafen, die verhängt werden, sehen die Mitarbeiterinnen des Gremiums als ein Mittel, sexistische Praktiken gesellschaftlich zu ächten und Veränderungsprozesse anzuregen.
Täter zur Rede gestellt
Beschlüsse, die im Frauenrat gefaßt werden, haben Gültigkeit. »Wenn sie auch Männer oder ganze Familien betreffen, versuchen wir sie aber auch noch durch den Volksrat zu bringen«, sagt Sehnaz Amed: »Denn wenn es ein genereller Beschluß ist, dann müssen sich auch alle Männer um dessen Umsetzung kümmern, und er findet eher allgemeine gesellschaftliche Anerkennung«. Sevin Ali Mohammed beschreibt die Sanktionen und Verfahrensweisen, die zur Bekämpfung patriarchaler Gewalt in der Familie etabliert wurden: »Gefängnisse gibt es bei uns nicht. Es ist schon eine Strafe, zur Rede gestellt zu werden. Das ist jedem unangenehm, denn das bedeutet, daß der Vorfall öffentlich gemacht wird. In schweren Fällen von Gewalt gegen Frauen sorgen wir dafür, daß der Mann zunächst für 15 Tage aus seiner Familie genommen und isoliert wird. Ihm wird der Grund für diesen Beschluß erklärt, und er bekommt die Gelegenheit nachzudenken. Dann wird das Gerichtsverfahren vorbereitet und öffentlich angekündigt. Beim Verfahren muß sich der Mann mit der Kritik der anwesenden Bürger auseinandersetzen. Er wird sich dadurch bewußt, daß er gegen die Ethik des Zusammenlebens verstoßen hat und sein Verhalten durch die Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Er kann dann Position beziehen. Abschließend werden Vorschläge zum weiteren Umgang mit ihm gemacht, über die dann abgestimmt wird. Der Vorschlag, für den die meisten Volksvertreter votieren, ist als Gerichtsbeschluß gültig. Die letzte und höchste Strafe, die verhängt werden kann, ist der Ausschluß aus dem Camp.

Trotz der begrenzten Möglichkeiten im Camp ist vor allem im Bildungsbereich viel geleistet worden. Durch die Aneignung von Wissen sind in der jungen Generation starkes politisches Bewußtsein und Selbstbewußtsein gewachsen. Frauen, die außerhalb des Camps abhängig beschäftigt sind, haben sich eigenständig im Komitee der Werktätigen organisiert. Der Isch¬tar-Rat unterstützt sie dabei. Wenn beispielsweise ihr Lohn nicht ausgezahlt wird, wenn die Arbeitszeiten nicht eingehalten werden oder sich andere an ihrer Arbeit bereichern, setzen sie sich dagegen gemeinsam zur Wehr. Dieses Verfahren hat Erfolg gezeigt. Beispielsweise wird bei Arbeiterinnen und Arbeitern aus Maxmur jetzt der Achtstundentag eingehalten, obwohl im Irak bis zu zwölf Arbeitsstunden pro Tag die Regel sind.

junge Welt 7.1.2011


0 Antworten auf „Schutzgöttinnen“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


+ fünf = sieben