Dersim-Kurden fordern Aufarbeitung

Berliner Konferenz diskutiert über Völkermord in osttürkischer Bergprovinz 1937/38

Die Anerkennung der Massentötungen 1937/38 in Dersim als Völkermord« – das war die zentrale Forderung einer gut besuchten Konferenz von zumeist kurdisch-türkischen Politikern, Juristen, Schriftstellern und Zeitzeugen, die am Mittwoch auf Einladung der Linksfraktion sowie kurdischer und alevitischer Verbände im Berliner Abgeordnetenhaus stattfand.

1936 war der Belagerungszustand über die Bergprovinz Dersim in der Osttürkei verhängt worden, um die dort lebenden alevitischen Kurden ihrer bis dahin behaupteten Autonomie zu berauben. Bis zu 70000 Menschen wurden in den folgenden Jahren durch Bomben und Giftgas getötet und Zehntausende Überlebende deportiert. Dersim wurde in Tunceli umbenannt, um selbst den Namen der rebellischen Region vergessen zu machen.

Als Dersim-Aufstand gingen diese Ereignisse in die Geschichte ein, doch auf der Konferenz wird deutlich, daß die bäuerlichen Partisanen unter Führung des hingerichteten alevitischen Geistlichen Seyid Riza vor allem Selbstverteidigung übten. Eindrucksvoll schildern Zeitzeugen, wie sie als Kinder von ihren Müttern in Höhlen in Sicherheit gebracht wurden oder die Ermordung ihrer ganzen Familien miterleben mußten. »Wir mußten ein Baby töten, damit es uns nicht durch sein Weinen verrät«, erzählt Gülizar Kaytan. Was die alte Frau nicht erwähnt: Ihre Kinder gingen 40 Jahre später selber in die Berge, um als Guerillakämpfer der PKK gegen die fortgesetzte Unterdrückung der Kurden zu kämpfen.

»Der türkische Staat wurde auf einer Mentalität des Völkermordes gegründet, die bis heute fortwirkt«, meint die Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Eren Keskin unter Verweis auf die Jungtürken, die den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg zu verantworten hatten. Auch Anwalt Erdal Dogan, der die Angehörigen des vor vier Jahren ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink vertritt, sieht den von den Jungtürken geprägten Geist der türkisch-islamischen Synthese ebenso im »staatlichen Mord« an Dink wie im andauernden Verbot der kurdischen Sprache fortwirken. Das Sprachverbot sei nach der Genozid-Definition der Vereinten Nationen ein kultureller Völkermord.

Rechtsanwalt Barry A. Fisher aus Los Angeles berichtet von seinen Erfahrungen in internationalen Entschädigungsverfahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei Kampagnen etwa für die von der japanischen Armee als Prostituierte versklavten koreanischen »Trostfrauen« sei für den juristischen Erfolg neben der politischen Unterstützung durch die US-Regierung eine Kampagne von Nichtregierungsorganisationen entscheidend gewesen. Daher schlägt Fisher der Dersim-38-Bewegung ein Tribunal vor. Die Berliner Konferenz diene dazu, mit den von staatlicher Seite gewollten Tabus zu brechen, meint der Sozialwissenschaftler Ahmet Özer von der Universität Isparta. »Wir wollen nicht ewig unsere Finger in die Wunde legen, sondern friedlich miteinander leben.« Doch dazu müsse der türkische Staat sich der eigenen Geschichte stellen und für den Genozid entschuldigen. Vorausetzung dafür sei allerdings eine Lösung der kurdischen Frage.

junge Welt 26.11.2010


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