Bei Einreise verhaftet: Schriftsteller Dogan Akhanli in Istanbul seit zwei Wochen hinter Gittern

Seit dem 10. August wird der bekannte türkische Schriftsteller Dogan Akhanli in der Istanbuler Haftanstalt Metris gefangengehalten. Der seit 1992 in Köln lebende Autor, der im vergangenen Jahr den Literaturpreis der Zeitung Hürriyet erhalten hatte, war das erste Mal seit seiner Flucht in die Türkei gereist, um seinen kranken Vater zu besuchen. Am Flughafen in Istanbul wurde er mit dem Vorwurf verhaftet, er sei im Oktober 1989 an einem Raubüberfall auf eine Istanbuler Wechselstube beteiligt gewesen, bei dem ein Mensch getötet wurde. Akhanli hat jegliche Verbindung zu diesem Überfall zurückgewiesen.

Der 1957 geborene Akhanli mußte aufgrund seiner politischen Aktivitäten nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 in den Untergrund gehen. 1985 wurde er inhaftiert und während seiner zweijährigen Haft im Militärgefängnis von Istanbul gefoltert. 1991 gelang ihm die Flucht nach Deutschland, wo er als politischer Flüchtling anerkannt wurde und später auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

Nach Aussage seiner Anwälte Haydar Erol in Istanbul und Ilias Uyar in Köln sind die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweismittel für Akhanlis Beteiligung an dem Raubüberfall rechtsstaatlich nicht verwertbar. So war eine belastende Zeugenaussage 1992 unter nachweislich schwerer Folter erpreßt und anschließend widerrufen worden. Die von der Antiterrorabteilung der Polizei jetzt am 13. August vorgeladenen Söhne des bei dem Überfall Getöteten konnten Akhanli auf Fotos nicht als Täter identifizieren. Doch diese entlastenden Aussagen wurden von Staatsanwalt Hüsein Ayar gegenüber dem Haftrichter vorenthalten, so daß dieser bislang alle Haftbeschwerden zurückwies.

Entgegen internationalem Recht wurde das deutsche Konsulat von den türkischen Behörden bislang nicht über die Verhaftung des deutschen Staatsbürgers Akhanli informiert. Obwohl Akhanli nachweislich auf Beschluß des türkischen Ministerrates im Jahr 1998 zwangsausgebürgert worden war, begründet Staatsanwalt Ayar diese »Zurückhaltung« damit, daß Akhanli türkischer Staatsbürger sei.

Es besteht der Verdacht, daß der Schriftsteller nicht nur aufgrund des alten Haftbefehls ins Fadenkreuz der türkischen Justiz geraten ist. So engagiert sich Akhanli in Erinnerungsprojekten an die Genozide des 20. Jahrhunderts wie dem Verein »Recherche International«. Sein 1999 erschienener Roman »Die Richter des jüngsten Gerichts« thematisiert den von der türkischen Staatsräson bis heute geleugneten Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg. Akhanli setzte sich auch für die Aufklärung des Mordes an dem armenischen Journalisten Hrant Dink durch einen Faschisten 2007 in Istanbul ein.

»Akhanli wurde früher wegen seines Kampfes gegen den 12.-September-Faschismus inhaftiert und gefoltert«, erklärte Ragib Zarakolu, der Präsident des Pressefreiheitskomitees der Türkischen Verleger, am Dienstag in Istanbul Es sei eine Ironie des Schicksals, daß der Schriftsteller kurz vor dem Referendum am 12. September zur Änderung der noch aus Putschzeiten stammenden Verfassung aufgrund einer Mentalität verhaftet wurde, mit der gebrochen werden soll.

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelp­ke, forderte in einem Schreiben an den türkischen Justizminister Sadullah Ergin am Mittwoch die Freilassung Akhanlis. Es bestehe der Verdacht, daß Akhanli aufgrund seines politischen Engagements und seiner schriftstellerischen Tätigkeit festgehalten wird.

Nach Angaben der »Solidaritätsplattform für inhaftierte Journalisten« sind aufgrund des Antiterrorgesetzes zur Zeit 37 weitere Journalisten und Schriftsteller in Haft, die für prokurdische oder sozialistische Zeitschriften oder Sender gearbeitet haben.

jw 26.8.2010


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