Kriegsverbrechen durch das türkische Militär

Delegationsbericht vom 20.08.10

Die türkische Armee setzt in der militärischen Auseinandersetzung mit der PKK schon seit Beginn des kurdischen Aufstands am 15.08.1984 auch Praktiken des schmutzigen Krieges ein. Dazu gehört der Einsatz chemischer Waffen, die Verstümmelung gefallener GuerillakämpferInnen und weitere extralegale Praktiken.
Im Frühjahr hatte eine Delegation, unter deren Mitgliedern auch TeilnehmerInnen der aktuellen Gruppe waren, ein Kriegsverbrechen aus dem August 2009, bei dem acht GuerillakämpferInnen mit höchster Wahrscheinlichkeit durch chemische Waffen ermordet und anschließend verstümmelt worden waren, dokumentiert. Dieser Einsatz chemischer Waffen konnte anhand von forensischer Begutachtung von Bildern mit hoher Wahrscheinlichkeit festgestellt werden und wird nun in verschiedenen deutschen und internationalen Medien diskutiert und auf politischer wie juristischer Ebene bearbeitet. Unter anderem steht die Debatte über eine internationale Untersuchungskommission im Raum.
Bei dieser Art von Kriegsverbrechen handelt es sich nicht um Einzeltaten. Sie werden in den letzten Monaten immer häufiger praktiziert. Hinweise auf den Einsatz von C-Waffen gibt es etliche und die postmortalen Verstümmelungen betreffen mittlerweile mehrere Dutzend Menschen.
Aus diesem Grund besuchten wir zwei Familien in Diyarbakır, deren Kinder in den letzten Wochen bzw. Tagen als Guerillakämpfer vom türkischen Militär getötet wurden. Die Toten weisen schwere Verstümmelungen und Verbrennungen auf.
08.08.2010 – 5 Guerillaleichname mit schweren Verbrennungen und Zerstörungen
Sevdin Nergiz wurde in Batman/Beşiri am 08.08.10 mit vier weiteren Guerillas vom türkischen Militär getötet. Alle Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Sie wiesen des Weiteren multiple Schussverletzungen und abgerissene Körperteile, bzw. herausgerissene Eingeweide auf. Die Körper waren derartig unkenntlich, dass Sevdin Nergiz erst nach einer zweiten Begutachtung durch die Familie an den erhalten gebliebenen Fußzehen erkannt werden konnte. Sevdin Nergiz war bis zum Unterschenkel hin vollständig verbrannt, bzw. geschwärzt, seine Eingeweide befanden sich nicht mehr in seinem Körper, ein Arme fehlte vollständig.
Ein Augenzeuge der militärischen Auseinandersetzung berichtete, dass die ganze Nacht über am Ort des Geschehens Schüsse zu hören waren. Das ganze Gebiet wurde mit Leuchtspurmunition erleuchtet. Später waren große Flammen zu sehen. Am Morgen nach dem Gefecht konnte er beobachten, wie sich die Soldaten um die Gefallenen versammelten und die leblosen Körper mit Schüssen durchsiebt wurden.
Nach der Beerdigung sagte die Staatsanwaltschaft der Familie, dass diese nicht die richtige Leiche identifiziert hätte und eine andere Person der Sohn sein – und die Leiche wieder exhumiert werden müsse. Die Familie weigerte sich dies zuzulassen und erklärte die andere Leiche, den Freund seines Sohnes gerne auch zu begraben. Dieser Vorgehensweise wurde akzeptiert. Das gesamte Vorgehen der Behörden stellt eine gezielte Belastung der Familien der Getöteten dar und dient augenscheinlich auch dem Ziel der Demoralisierung und Traumatisierung. Ob die Verletzungen durch Flammenwerfer, chemische oder anderen Waffen herbeigeführt wurden, lässt sich nur durch die Untersuchung des Falls seitens einer unabhängigen Kommission feststellen. Der Staat tut bisher vieles dafür die Ursachen zu verschleiern. U.a wurde in diesem Fall keine Autopsie durchgeführt, in weiteren Fällen die Autopsieberichte einbehalten. Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile erklärt, dass die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren. Bemerkenswert ist in diesem Rahmen auch das Dementi des Gouverneurs von Batman, der präventiv von falschen Anschuldigungen bezüglich einer Benutzung chemischer Waffen spricht, ohne dass diese Anschuldigungen erhoben worden sind.
„Was erwartest du für einen Terroristen, der gegen den Staat gekämpft hat.“
Die Praxis der Demütigung und Traumatisierung der Angehörigen Gefallener Guerillas wird ebenfalls an einem anderen Beispiel deutlich. Der Leichnam von Özgür Daghan, der am 05.06.2010 getötet wurde, wies schwerste Verstümmelungen auf. Die Familie wurde von der Antiterrorpolizei informiert und zur Identifikation und zum Abholen des Toten in der Leichenhalle in der Schwarzmeerstadt Trabzon aufgefordert. Aus Angst vor Übergriffen in der von FaschistInnen dominierten Region, nahm die Familie keinen Krankenwagen aus Diyarbakır, sondern einen aus der extrem nationalistisch eingestellten Stadt Erzurum.
In der Leichenhalle, lagen mehrere Leichen sorglos übereinandergestapelt. Die Leiche von Özgür Daghan wies schwerste Verstümmelungen und Zerstörungen auf, die sich nicht auf den vorher gezeigten Bildern finden ließen. Sein Körper war verbrannt, sogar seine Knochen waren wie geschmolzen, sein Schädel zertrümmert. Ebenso die Körper der anderen Gefallenen.
Auf die Frage nach den Verstümmelungen erklärte ein anwesender Staatsanwalt „Was erwartest du für einen Terroristen, der gegen den Staat gekämpft hat.“ Zweierlei wird dadurch deutlich: 1. Der Staatsanwalt war sich anscheinend im Klaren darüber, was mit den Toten passiert ist. 2. Die Vertreter des Staates können selbst bei gravierenden Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen darauf vertrauen vom Staat gedeckt zu werden. Selbst die Mühe eines Dementis scheint deshalb oft, wie in diesem Fall nicht nötig. Dies und die Häufung solcher und ähnlicher Fälle, legen für uns den Verdacht nahe, dass dieses Geschehen nicht nur billigend in Kauf genommen wird. Es handelt sich dabei wohl eher um eine geplante Strategie im Rahmen von psychologischer Kriegsführung gegen die kurdische Bevölkerung, die zu schweren Traumata führt. Diese konnten wir bei vielen der von uns geführten Gesprächen deutlich wahrnehmen. U.a. waren die Gesprächspartner oft den Tränen nahe oder mussten weinen um dem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Uns ging es ähnlich.
Verbrechen dieser Art gehen trotz Waffenstillstand der Guerilla weiter
Auch am 19.08. wurden trotz Waffenstillstands der PKK, mehrere Guerillas von Soldaten und Dorfschützern in Ercis bei Van in einen Hinterhalt gelockt. Zwei von ihnen wurden umgebracht, die Leichen postmortal verstümmelt. Sie wurden nachdem sie schon Tod waren mit etlichen Schüssen weiter verletzt und mehrere hundert Meter über den Boden geschleift. Ein Dorfbewohner, der als Augenzeuge Angaben über die Verstümmelungen machte, wurde danach sofort festgenommen. Durch eine derartige Praxis soll das Geschehene verschleiert werden.
Wir fordern die umgehende Aufklärung dieser Verbrechen durch eine unabhängige internationale Kommission. Sie verstoßen gegen die Menschenrechte und das Kriegsrecht. Um eine friedliche Lösung des Jahrzehntelangen Konflikts zu ermöglichen bedarf es eines Dialogs aller Seiten und der Anerkennung der Realität des politischen Willens der kurdischen Bevölkerung.


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