Das Leben ganz oder gar nicht

Uta Schneiderbanger fand den Weg vom Ruhrgebiet in die kurdischen Berge

Von Claudia Wangerin

Wie kommt eine gelernte Heilpraktikerin, Arbeitertochter aus dem Ruhrgebiet, lesbisch, vielseitig interessiert, gebildet und naturverbunden, zu einer bewaffneten Organisation, die auf der EU-Antiterrorliste steht? Freundinnen von Uta Schneiderbanger, genannt »Nûdem«, die im Mai 2005 bei einem Autounfall in den kurdischen Bergen starb, haben ihren Lebensweg in einem Buch nachgezeichnet. Mit ihr verunglückte die türkische Internationalistin Ekin Ceren Dogruak, genannt Amara, an die demnächst ein zweites Buch erinnern soll.

Ihre kurdischen Genossinnen sprachen mit dem größten Respekt von den beiden Frauen, die für sie Partei ergriffen hatten, was in deren Herkunftsstaaten nach wie vor als kriminell und verwerflich gilt. Nûdem, was soviel wie »Neue Zeit« heißt, war Aktivistin der PAJK, der Frauenbefreiungspartei Kurdistans, und Mitglied im Leitungsrat des kurdischen Volkskongresses, des Kongra Gel. »Wir haben nach Lösungswegen für eine neue Zeit gesucht. Nach einem kollektiven und menschlichen Leben«, schrieb sie in ihren Aufzeichnungen.

Die 1961 in Mühlheim an der Ruhr geborene Uta Schneiderbanger hatte auf dieser Suche schon früh mit dem bürgerlichen Staat gebrochen, und dennoch entsprach sie nie dem bürgerlichen Klischee einer Militanten. Sanft sei sie gewesen, betont ein Freund namens Michael, wie sie ein Homosexueller. »Und so waren unsere Gespräche eher wie die zwischen Freundinnen.« Murat Karayilan erklärt, was es bedeutete, daß die Deutsche als eines von sieben Mitgliedern in die Gerechtigkeitskommission des Kongra Gel gewählt worden war, der in den kurdischen Gebieten der Türkei eine Massenbewegung repräsentiert: »Das allein zeigt, wie sehr ihrer gerechten und freiheitlichen Haltung, ihrer Prinzipientreue und ihrem kämpferischen Geist vertraut wurde«, so der Vorsitzende des Exekutivrates der Dachorganisation Koma Civakên Kurdistan (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans).

Uta Schneiderbanger war schon früh ihren eigenen ethischen Grundsätzen gefolgt, die in ihrer Jugend stark von der Theologie der Befreiung inspiriert worden waren. Ihr Vater, ein christlicher Gewerkschafter, machte sie zum ersten Mal stolz, als er sich ab 1973 an den großen Stahlarbeiterstreiks im Ruhrgebiet beteiligte. Vorher hatte sie sich am Gymnasium für ihre einfache Herkunft geschämt, wie sie in einem ausführlichen Lebenslauf schrieb.

Später kam sie mit der Hausbesetzerbewegung in Kontakt, engagierte sich für politische und »soziale« Gefangene. Sie wollte keine klare Trennungslinie zwischen den bewußt politischen Aktivisten und den Unterprivilegierten ziehen, die Eigentumsdelikte begingen, um sich einen Ausgleich für fehlende Chancen und Perspektiven zu verschaffen. Null tolerant zeigte sie sich, wenn es um Gewalt gegen Schwächere ging. Einem wegen Bankraubs Angeklagten kündigte sie unverzüglich die Solidarität auf und verließ den Gerichtssaal, als in der Verhandlung herauskam, daß er eine weibliche Geisel sexuell genötigt hatte.

Den Realsozialismus hatte sie zwar nicht als Vorbild betrachtet, spürte aber die negative Wirkung seines Zusammenbruchs auf sämtliche deutschen Linken: Jahre der Stagnation, die viele auf der Suche nach neuen Perspektiven in die Ferne schweifen ließen. Uta Schneiderbanger war jedoch schon lange vor der »Wende« internationalistisch orientiert. Die ausländischen Befreiungsbewegungen, für die sie sich engagierte, sah sie nicht unkritisch und romantisierend. Während der islamische Einfluß in der palästinensischen Nationalbewegung wuchs, galt ihre Solidarität mehr und mehr der kurdischen, die neben der nationalen Unterdrückung auch die Versklavung der Frau durch den patriarchalischen Ehrbegriff beseitigen wollte.

Ihre Militanz bestand nicht in bloßer Gewaltbereitschaft. »Wie weit hängt mein Selbstwertgefühl davon ab, ob ich bewaffnet gekämpft habe?« fragte sie sich selbstkritisch, als in ihr der Entschluß reifte, sich dem kurdischen Befreiungskampf anzuschließen. Es ging nicht nur um Waffen. Sie verglich ihre Identifikation mit den Zielen der Bewegung – und kam zu dem Ergebnis, daß sie sich ihr in Vollzeit anschließen wollte. Als die Versuche der USA scheiterten, die Bewegunug zu instrumentalisieren, war Nûdem überzeugt, sich richtig entschieden zu haben.

»Mit Kampf und Liebe für eine neue Zeit – Nûdem. Aus dem Leben von Uta Schneiderbanger«. Zu bestellen bei: Cenî – Kurdisches Frauenbüro für Frieden, Corneliusstraße 125, 40215 Düsseldorf

jw 20.8.2010


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