Kurdische Jugend im Visier

„Die kurdische Initiative wird fortgesetzt: 120 Verhaftungen“ lautete der zynische Titel eines Artikels des auf Menschenrechtsthemen spezialisierte unabhängigen Journalisten-Netzwerks Bianet vor wenigen Tagen. Als „kurdische Initiative“ hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Jahr seine Vorschläge für eine Lösung der kurdischen Frage tituliert. Doch statt spürbarer Verbesserungen in der Lebenssituation der Menschen in den kurdischen Landesteilen befinden sich rund 1500 Anhänger und Politiker der verbotenen prokurdischen Partei für eine Demokratische Gesellschaft DTP und ihrer Nachfolgerin BDP zum Teil seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Diese Woche gingen die landesweiten Massenverhaftungen kurdischer Aktivisten unter dem Vorwurf einer Unterstützung der illegalen Arbeiterpartei Kurdistans PKK weiter. Bis Freitag wurden rund 200 Festnahmen und Verhaftungen innerhalb einer Woche gezählt. Unter den Verhafteten sind Lokalpolitiker der BDP sowie Journalisten der kurdischen Presse. Doch besonders betroffen sind diesmal Schüler und Studierende. „Die Regierung will die kurdische Jugend auslöschen“, kritisiert der BDP Abgeordnete Özdal Ücer. Begleitet wurde die Verhaftungswelle von Warnungen des Nationalen Polizeidepartements, wonach die PKK Anschläge auf Touristenorte, Einkaufzentren und Polizeiwachen in westtürkischen Städten plane. Dafür seien bislang nicht als PKK-Aktivisten in Erscheinung getretene Jugendliche ausgebildet worden, behauptet die Polizei. Mehrfach kam es in den letzten Tagen zu Lynchjagden türkischer Faschisten auf kurdische Studenten in der Westtürkei. Schon letzte Woche starb ein kurdischer Studierender in Mugla, nachdem er von
mehreren Polizeikugeln schwer verletzt worden war. Die Polizisten hatten angreifende Faschisten unterstützt. In Tokat wurden dabei zwei kurdische Studierende so schwer verletzt, dass ihr Zustand kritisch ist. Am Dienstag wurde der 13 jährige Oguzcan Akyürek durch eine Explosion vor einer Kaserne im Zentrum der Gemeinde Ozalp bei der kurdische Stadt Van getötet und fünf weitere Kinder verletzt. Der Bürgermeister von Ozalp, Murat Durmaz, erklärte, Zeugen hätten gesehen, dass
ein Soldat eine Handgranate zu den Kindern geworfen habe. „Muglali Kaserne –Heimat der Mörder“, skandierte hunderte wütende Einwohner des Ortes bei der Beerdigung von Akyrek am Mittwoch. Die Kaserne ist nach General Muglali benannt, der 1943 Dutzende Einwohner des Ortes wegen Schmuggeln erschießen ließ und deswegen später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.


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