Lebende Schutzschilde

Kampagne gegen tödliche Militäroperationen der Regierung in Kurdistan

Angesichts der sich verschärfenden kriegerischen Auseinandersetzungen in den kurdischen Landesteilen der Türkei hat die prokurdische Partei für Frieden und Demokratie BDP dazu aufgerufen, die Militäroperationen »mit lebenden Schutzschilden« zu stoppen. Neben Abgeordneten der Partei beteiligen sich kurdische und türkische Künstler, Gewerkschafter, Menschenrechtsaktivisten und Prominente an der Kampagne. Die Militäroperationen hätten seit Frühlingsbeginn stark zugenommen, erklärte der Abgeordnete Osman Özcelik aus Siirt. »Panzer, Hubschrauber und Flugzeuge bombardieren Kurdistan. Wir werden dies stoppen. Wir wollen keine Brüderlichkeit, wir wollen Gleichheit. Wir kennen seit osmanischer Zeit eure Brüderlichkeit. Ihr habt eure Brüder umgebracht, ins Exil geschickt, in die Gefängnisse geworfen. Diese Brüderlichkeit wollen wir nicht.« Das Ziel sei vielmehr ein würdiger Frieden.

Nachdem Zehntausende Menschen am Wochenende an einer Friedensdemonstration in der Millionenstadt Diyarbakir teilnahmen, versuchte eine erste Gruppe von BDP-Mitgliedern, der auch der Oberbürgermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir, sowie die Parlamentsabgeordneten Bengi Yildiz und Ayla Akat Ata angehörten, in das ländliche Operationsgebiet um die Stadt Lice zu gelangen. Der Buskonvoi wurde am Sonntag von der Militärpolizei mit der Begründung gestoppt, für die Sicherheit der Teilnehmer könne aufgrund eines angeblichen Sprengstoffundes an der Straße nicht garantiert werden. Andere Reisende durften allerdings die Straße passieren. »Wir wollen nicht, daß diese jungen Soldaten die uns behindern, oder die Guerillas in den Bergen sterben. Deswegen sind wir hier«, erklärte der BDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas. In den nächsten Tagen wollen die Schutzschilde nach Semdinli an der iranischen Grenze fahren, wo es in der letzten Zeit zu Gefechten kam. Anschließend soll die Schutzschildkampagne in Sirnak an der irakischen Grenze fortgesetzt werden.

Bei Bombardierungen sei in der Region Dersim auch weißer Phosphor eingesetzt worden, meldet die kurdische Agentur Firat. Der türkische Generalstab hat unterdessen elf weitere Berge zu verbotenen Zonen erklärt. Dazu gehören auch landwirtschaftlich stark genutzte Gebiete. Mittlerweile ist nahezu die Hälfte der kurdischen Landesteile Sperrgebiet. Der Generalstab kündigte zudem an, entlang der Grenze zum Iran und Irak 134 neue Armeestützpunkte zu errichten, um ein Eindringen von Guerillakämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans PKK zu verhindern. An der türkisch-iranischen Grenze wurde bereits mit dem Bau einer Sperrmauer begonnen.

junge Welt 18.5.2010


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