Archiv für Mai 2010

Kurdische Jugend im Visier

„Die kurdische Initiative wird fortgesetzt: 120 Verhaftungen“ lautete der zynische Titel eines Artikels des auf Menschenrechtsthemen spezialisierte unabhängigen Journalisten-Netzwerks Bianet vor wenigen Tagen. Als „kurdische Initiative“ hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Jahr seine Vorschläge für eine Lösung der kurdischen Frage tituliert. Doch statt spürbarer Verbesserungen in der Lebenssituation der Menschen in den kurdischen Landesteilen befinden sich rund 1500 Anhänger und Politiker der verbotenen prokurdischen Partei für eine Demokratische Gesellschaft DTP und ihrer Nachfolgerin BDP zum Teil seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Diese Woche gingen die landesweiten Massenverhaftungen kurdischer Aktivisten unter dem Vorwurf einer Unterstützung der illegalen Arbeiterpartei Kurdistans PKK weiter. Bis Freitag wurden rund 200 Festnahmen und Verhaftungen innerhalb einer Woche gezählt. Unter den Verhafteten sind Lokalpolitiker der BDP sowie Journalisten der kurdischen Presse. Doch besonders betroffen sind diesmal Schüler und Studierende. „Die Regierung will die kurdische Jugend auslöschen“, kritisiert der BDP Abgeordnete Özdal Ücer. Begleitet wurde die Verhaftungswelle von Warnungen des Nationalen Polizeidepartements, wonach die PKK Anschläge auf Touristenorte, Einkaufzentren und Polizeiwachen in westtürkischen Städten plane. Dafür seien bislang nicht als PKK-Aktivisten in Erscheinung getretene Jugendliche ausgebildet worden, behauptet die Polizei. Mehrfach kam es in den letzten Tagen zu Lynchjagden türkischer Faschisten auf kurdische Studenten in der Westtürkei. Schon letzte Woche starb ein kurdischer Studierender in Mugla, nachdem er von
mehreren Polizeikugeln schwer verletzt worden war. Die Polizisten hatten angreifende Faschisten unterstützt. In Tokat wurden dabei zwei kurdische Studierende so schwer verletzt, dass ihr Zustand kritisch ist. Am Dienstag wurde der 13 jährige Oguzcan Akyürek durch eine Explosion vor einer Kaserne im Zentrum der Gemeinde Ozalp bei der kurdische Stadt Van getötet und fünf weitere Kinder verletzt. Der Bürgermeister von Ozalp, Murat Durmaz, erklärte, Zeugen hätten gesehen, dass
ein Soldat eine Handgranate zu den Kindern geworfen habe. „Muglali Kaserne –Heimat der Mörder“, skandierte hunderte wütende Einwohner des Ortes bei der Beerdigung von Akyrek am Mittwoch. Die Kaserne ist nach General Muglali benannt, der 1943 Dutzende Einwohner des Ortes wegen Schmuggeln erschießen ließ und deswegen später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Demo: Stoppt die Hinrichtungen politischer Gefangener im Iran!

Kundgebung und Demonstration am Samstag 22. Mai 14 Uhr ab Adenauerplatz Berlin

Am 9.Mai hat das iranische Regime fünf politische Gefangene in einer Nacht- und Nebelaktion im Teheraner Evin-Gefängnis als „Feinde Gottes und des Staates“ gehängt. Dem Lehrer und Gewerkschafter Farzad Kamangar, den Lehrern Ali Heydarian und Farhad Vakili sowie der Frauenrechtsaktivistin Shirin Alam Hooli wurde die Mitgliedschaft in der oppositionellen Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK) vorgeworfen. „In den Händen der Soldaten habe ich Tage voller Schmerz durchlebt. Warum haben sie mich festgenommen oder warum hängen sie mich auf? Ist es weil ich Kurdin bin? Ich bin als Kurdin geboren und musste soviel Folter und Schikane erleben weil ich Kurdin bin“, heißt es im Abschiedsbrief von Shirin Alam Hooli. Bis heute weigert sich das Regime, die Leichen der Hingerichteten an deren Familien auszuhändigen. Gegen die Hinrichtungen kam es zu massiven Protesten im ran, und in den kurdischen Landesteilen wurde ein Generalstreik durchgeführt. Das Regime verhängte den Ausnahmezustand über kurdische Städte, Militär marschierte ein, mehrere Demonstranten wurden verhaftet.

Diese Verbrechen, die die Weiterführung von 31 Jahren Politik der Unterdrückung, Folter, Steinigung und Massenhinrichtungen an politischen Gefangenen ist, hat zur weltweiten Proteste geführt. Das weigert sich aus Angst vor Protesten die Leichname der Hingerichteten an deren Familien zurück zu geben.

Seit 2007 sind 7 Gefangene aus kurdischen Oppositionsgruppen hingerichtet worden. 18 weiteren kurdischen politischen Gefangenen und einer Anzahl zum Tode verurteilter iranischer Oppositioneller droht die Hinrichtung. Auch eine Reihe von afghanischen Flüchtlingen ist im Iran zum Tode verurteilt worden.

Mit unserem Protest wollen wir unser Mitgefühl für die Angehörigen, Freunde und Genossen der Hingerichteten ausdrücken und sie bei ihren Bemühungen um Gerechtigkeit unterstützen. Wir fordern einen sofortigen Stopp der Hinrichtungen und die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Code e.V.

Bündnis der Kurden und kurdischen Vereine Berlin-Brandenburg

Kurdistan-Solidaritätskomitee Berlin

Komitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen im Iran- Berlin e.V.

Rat der Kurden und kurdischen Vereinigungen Berlin-Brandenburg

Säkulare IranerInnen für Freiheit und Demokratie

Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin e.V.

Zeit: Samstag, 14:00 Uhr,

Ort: Adenauerplatz

Lebende Schutzschilde

Kampagne gegen tödliche Militäroperationen der Regierung in Kurdistan

Angesichts der sich verschärfenden kriegerischen Auseinandersetzungen in den kurdischen Landesteilen der Türkei hat die prokurdische Partei für Frieden und Demokratie BDP dazu aufgerufen, die Militäroperationen »mit lebenden Schutzschilden« zu stoppen. Neben Abgeordneten der Partei beteiligen sich kurdische und türkische Künstler, Gewerkschafter, Menschenrechtsaktivisten und Prominente an der Kampagne. Die Militäroperationen hätten seit Frühlingsbeginn stark zugenommen, erklärte der Abgeordnete Osman Özcelik aus Siirt. »Panzer, Hubschrauber und Flugzeuge bombardieren Kurdistan. Wir werden dies stoppen. Wir wollen keine Brüderlichkeit, wir wollen Gleichheit. Wir kennen seit osmanischer Zeit eure Brüderlichkeit. Ihr habt eure Brüder umgebracht, ins Exil geschickt, in die Gefängnisse geworfen. Diese Brüderlichkeit wollen wir nicht.« Das Ziel sei vielmehr ein würdiger Frieden.

Nachdem Zehntausende Menschen am Wochenende an einer Friedensdemonstration in der Millionenstadt Diyarbakir teilnahmen, versuchte eine erste Gruppe von BDP-Mitgliedern, der auch der Oberbürgermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir, sowie die Parlamentsabgeordneten Bengi Yildiz und Ayla Akat Ata angehörten, in das ländliche Operationsgebiet um die Stadt Lice zu gelangen. Der Buskonvoi wurde am Sonntag von der Militärpolizei mit der Begründung gestoppt, für die Sicherheit der Teilnehmer könne aufgrund eines angeblichen Sprengstoffundes an der Straße nicht garantiert werden. Andere Reisende durften allerdings die Straße passieren. »Wir wollen nicht, daß diese jungen Soldaten die uns behindern, oder die Guerillas in den Bergen sterben. Deswegen sind wir hier«, erklärte der BDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas. In den nächsten Tagen wollen die Schutzschilde nach Semdinli an der iranischen Grenze fahren, wo es in der letzten Zeit zu Gefechten kam. Anschließend soll die Schutzschildkampagne in Sirnak an der irakischen Grenze fortgesetzt werden.

Bei Bombardierungen sei in der Region Dersim auch weißer Phosphor eingesetzt worden, meldet die kurdische Agentur Firat. Der türkische Generalstab hat unterdessen elf weitere Berge zu verbotenen Zonen erklärt. Dazu gehören auch landwirtschaftlich stark genutzte Gebiete. Mittlerweile ist nahezu die Hälfte der kurdischen Landesteile Sperrgebiet. Der Generalstab kündigte zudem an, entlang der Grenze zum Iran und Irak 134 neue Armeestützpunkte zu errichten, um ein Eindringen von Guerillakämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans PKK zu verhindern. An der türkisch-iranischen Grenze wurde bereits mit dem Bau einer Sperrmauer begonnen.

junge Welt 18.5.2010

Generalstreik und Demos gegen Hinrichtung von Kurden im Iran

Nach der Hinrichtung von vier kurdischen Aktivisten im Teheraner Evin-Gefängnis, darunter der Gewerkschafter Farzad Kamangar und die Frauenrechtsaktivistin Shirin Alam Hooli, ist es in der vergangenen Woche zu schweren Unruhen in den kurdischen Landesteilen des Iran gekommen. Guerillaeinheiten der mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) kooperierenden »Partei für ein freies Leben in Kurdistan« (PJAK), der die Hingerichteten, angehört haben sollen, bekannten sich zu Angriffen auf eine Polizeistation in der Stadt Meriwan und auf ein Militärfahrzeug in Piransehir. Dabei kamen nach PJAK-Angaben 16 iranische Soldaten ums Leben.

In vielen kurdischen Städten des Iran wie Mahabad und Sine blieben die Läden nach einem Generalstreikaufruf der kommunistischen Komala-Partei bis zum Wochenende geschlossen. Nach Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei verhängte die Regierung den Ausnahmezustand über die Millionenstadt Sine.

Zu Protesten kam es auch in mehreren europäischen Städten sowie in der Türkei und dem Irak. Bei einer Demonstration der linken prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP) zum türkisch-iranischen Grenzübergang Esendere stürmten Demonstranten die Grenzbefestigungen. In Yüksekova nahe der iranischen Grenze lieferten sich vermummte Demonstranten Straßenschlachten mit der türkischen Polizei. Im nordirakischen Suleymania lösten am Donnerstag Sicherheitskräfte der kurdischen Regionalregierung eine Kundgebung der aufgrund ihrer PKK-Nähe verbotenen »Partei für eine Demokratische Lösung in Kurdistan« PCDK gegen die Hinrichtungen im Iran gewaltsam auf. Rund einem Dutzend weiterer kurdischer politischer Gefangener im Iran droht derzeit die Hinrichtung als »Feinde Gottes und des Staates«.

junge Welt 17.5.2010

PE: Demonstration „Stoppt die Hinrichtungen im Iran“

16.05.2010 Presserklärung des Kurdistan Solidaritätskomitees Berlin

Unter der Teilnahme von ca. 400 iranischen, kurdischen und deutschen Aktivisten und Aktivistinnen fand am Sonntag vom U-Bahnhof Podbielskyallee zur iranischen Botschaft und wieder zurück eine Demonstration statt. In der Nähe der iranischen Botschaft fand eine Zwischenkundgebung mit Redebeiträgen auf Deutsch, kurdisch und Farsi statt. Es wurde Widerstandsmusik gespielt und die Menschen tanzten. Ein Sprecher des Kurdistansolidaritätskomitees Berlin drückte seine Bestürzung über die Hinrichtung von fünf politischen Aktivistinnen und Aktivisten am 9. Mai im Iran, darunter ein Gewerkschafter und eine Frauenrechtsaktivistin, und der Vergiftung von fünf kurdischen HRK Guerillas durch iranische Agenten aus. Weiter erklärte er, dass u.a. aufgrund der Verfolgungspolitik gegen KurdInnen in Europa und den USA von diesen Ländern nichts zu erwarten sei, sondern sich die Menschen selber zusammen schließen müssten um Widerstand zu leisten. Ein Engagement westlicher Staaten instrumentalisiere nur die freiheitlichen Bewegungen und diese würden fallen gelassen, sobald sie nicht mehr für wirtschaftliche und politische Ziele des Westens nützlich seien.

Die Polizei war mit einem großen Aufgebot zugegen, welches von Anfang an durch Nervosität und Aggressivität auffiel. So hatten es die Polizei sehr eilig die direkte Sichtlinie der Demonstration auf die Botschaft mit Mannschaftswagen zu blockieren. Die Demonstration wurde dazu auf Höhe der iranischen Botschaft mit Hilfe von Absperrgittern auf den Gehweg gedrängt. PolizeibeamtInnen bedrohten TeilnehmerInnen der Demonstration, die in direkter Sichtlinie der Botschaft stehenblieben direkt mit Hunden. Nach der erfolgreichen Durchführung der Demonstration setzte die Polizei ihre Schikanen fort und nahm zwei Personen unter u.E. konstruierten Vorwürfen fest. Sie befinden sich beide mittlerweile wieder auf Freiem Fuß.

Kundgebung gegen Ermordung kurdischer politischer Gefangener im Iran

Freitag 14.05.2010 16 Uhr Breidscheidplatz Berlin

Nachdem in Ostkurdistan/Iran 5 politische Gefangene (4 PJAK Mitglieder) hingerichtet worden sind, wurde bekannt, dass ebenfalls in Dalaho 5 Guerillas der linken kurdischen PJAK durch Vergiften durch Agenten des iranischen Regimes ermordet worden sind.

STOPPT die HINRICHTUNGEN im IRAN !

Proteste an: Botschaft der Islamischen Republik Iran

Tel : 030 84353-0 , 030 84353-535
Fax : 030 4824954
E-Mail : iran.botschaft@t-online.de

Bombengeschäfte mit der Türkei

Kampagne »Tatort Kurdistan« thematisiert deutsche Rüstungsexporte

Von Claudia Wangerin

Unter dem Motto »Nie wieder Krieg« haben Menschenrechtsgruppen am Samstag, dem 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, vor dem Brandenburger Tor in Berlin mit einem Videozelt auf den Einsatz deutscher Rüstungsgüter in den kurdischen Gebieten der Türkei aufmerksam gemacht. Das war die Auftaktveranstaltung der Kampagne »Tatort Kurdistan«.

Ziel ist es, deutsche Waffenexporte in die Türkei und andere Länder zu thematisieren und zu stoppen. Der Veranstaltungsort war mit Bedacht gewählt – nicht nur wegen seiner Nähe zum Regierungssitz, sondern auch wegen der Nähe zu den Zentralen deutscher Rüstungskonzerne wie Krauss-Maffei Wegmann, dem Produzenten der Leopard-Panzer, am Pariser Platz. Mit einer kurzen Aktion erinnerten Kurdinnen und Kurden an den irakischen Giftgasangriff auf Halabja im Jahr 1988. Rund 5000 Bewohner der kurdischen Stadt im Nordirak waren dabei umgekommen. Aus Deutschland stammten 70 Prozent der irakischen Giftgasproduktionsanlagen, mehr als 56 deutsche Firmen waren involviert.

In den Jahren 2004 bis 2008 war die Türkei mit 15,2 Prozent der größte Abnehmer deutscher Rüstungsexporte – gefolgt vom hochverschuldeten Griechenland mit 12,9 Prozent, so eine Studie des »Stockholm International Peace Research Institute« (SIPRI). Die türkische Armee nutzt das Kriegsgerät zur Aufstandsbekämpfung. Neben den 289 Leopard-2-Panzern, die in den Jahren 2006 bis 2008 von der BRD in die Türkei geliefert wurden, sind nach wie vor Schußwaffen wie das klassische G3-Gewehr und neuerdings HK33-Gewehre und MP5-Maschinenpistolen – mit Lizenz in der Türkei gebaut – im Einsatz.

In den 1990er Jahren wurde bereits vielfach dokumentiert, daß die türkische Armee mit deutschen Waffen Kriegsverbrechen begangen hatte. Insgesamt 4000 kurdische Dörfer wurden damals von der türkischen Armee zerstört – begründet mit dem Vorwurf, die Bevölkerung unterstütze die Guerilla der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Neben kommerziellen Lieferungen moderner Waffen hatte die Türkei nach 1989 umfangreiches Material aus Beständen der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR geschenkt bekommen. Wenig später ging ein Foto um die Welt, auf dem ein türkischer Soldat mit NVA-Stahlhelm und den abgeschnittenen Köpfen kurdischer Guerillakämpfer posierte. Als bekannt wurde, daß in Sirnak ein Kurde mit einem deutschen Panzer zu Tode geschleift worden war, warf Amnesty International der Bundesregierung Beihilfe zum Mord vor. Obwohl der bewaffnete Konflikt zur Zeit nicht auf dem Niveau der 1990er Jahre stattfindet, ist er noch lange nicht beigelegt. Der von der kurdischen Bewegung eingeleitete Friedensprozeß hat einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Im Dezember 2009 wurde die »Partei der Demokratischen Gesellschaft« (DTP) verboten, die zuvor in den kurdischen Gebieten die Mehrheit der Wählerstimmen für sich gewinnen konnte.

Die Aktivisten der Kampagne »Tatort Kurdistan« werden in den kommenden Wochen und Monaten durch Städte in der BRD ziehen und über die tödlichen Rüstungsexporte berichten. Für den Antikriegstag am 1. September ist ein zentraler Aktionstag geplant.

jw 11.5.2010

Schwere Kämpfe im Grenzgebiet

Gefechte zwischen türkischer Armee und PKK-Kämpfern. Auch Ziele im Nordirak bombardiert

In den kurdischen Landesteilen der Türkei kommt es seit Tagen zu schweren Gefechten zwischen der türkischen Armee und Guerillakämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans PKK. Die türkische Luftwaffe bombardierte dabei auch Ziele im Nordirak. »Nachdem von verschiedenen Stellungen jenseits der Grenze Luftabwehrfeuer auf Helikopter eröffnet wurde, hat die Luftwaffe diese Ziele beschossen«, erklärte die Armee in einem am Wochenende veröffentlichten Statement. In der Region Mardin seien Spezialeinheiten in Guerillauniform aktiv, warnte die PKK die örtliche Bevölkerung vor Provokationen der staatlichen Konterguerilla.

Innerhalb der ersten vier Monate des Jahres 2010 habe es 22 Militäroperationen gegen die Guerilla gegeben, bei denen es in 13 Fällen zu Gefechten kam. Dabei seien 22 Soldaten und zehn Guerillakämpfer getötet worden, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Bilanz der Guerilla, die offiziell seit über einem Jahr einen Waffenstillstand verkündet hat. Seit Anfang Mai seien weitere 15 Soldaten und zwei Guerillakämpfer gefallen. Gezählt wurden auch 86 Artillerieangriffe auf Ziele im Nordirak, bei denen großer Schaden an ziviler Infrastruktur entstanden sei. »Damit soll Druck auf die Dorfbewohner ausgeübt werde, die Region zu verlassen, um eine menschenleere Zone zu schaffen«, vermutet ein Guerillasprecher.

Unterdessen wurde bekannt, daß im Iran bereits am Freitag vier kurdische politische Gefangene hingerichtet wurden. Ihnen wurde vorgeworfen, der mit der PKK verbündeten Partei für ein freies Leben in Kurdistan PJAK anzugehören, die auch bewaffnet für die Rechte der kurdischen Bevölkerung im Iran kämpft. Zu den wegen angeblicher PJAK-Mitgliedschaft Hingerichteten gehören der Lehrer Farzad Kemangar und die Frauenrechtsaktivistin Shirin Elem Hulu, meldet die kurdische Agentur Firat. Sie seien zuvor schwer gefoltert worden.

jw 11.5.2010

Die Kampagne TATORT Kurdistan beginnt!

Und zwar in Berlin am Brandenburger Tor mit einer
Videoprotestkundgebung am 8. Mai von 15 bis 18 Uhr und dem Motto „Nie
wieder Krieg!“. Protestiert wird gegen die Rolle der deutschen
Regierung und den dazugehörigen Unternehmen im Krieg in Kurdistan und
weltweit.
Zahlreiche Rüstungsfirmen habe ihren Sitz im Berliner
Regierungsviertel. Das ist kein Zufall. Erst kürzlich hat
Bundeskanzlerin Merkel der Türkei weitere 56 Kampfpanzer aus deutscher
Produktion versprochen. Eingesetzt werden sie von der Türkei in den
kurdischen Gebieten gegen die dortige Bevölkerung. Zu stören scheint
sich die deutsche Regierung daran nicht.

Ziel der Kampagne ist es, solchen Machenschaften entschlossen
entgegenzutreten und die Verbindung zur ungelösten kurdischen Frage
aufzuzeigen. Dazu gehört auch die Verwicklung deutscher Unternehmen
z.B. in Energieprojekte und die Repression hier in Deutschland gegen
die Kurdische Bewegung und gegen kurdische Aktivist_innen.

Es wird in den nächsten Monaten in ganz Deutschland Veranstaltungen
zum Thema TATORT Kurdistan und weitere kleine Aktionen geben. Am 1.9.
soll ein bundesweiter Aktionstag vorläufiger Höhepunkt der Kampagne
werden. Alle Termine und weitere Hintergrundinformationen findet ihr
auf der Webseite http://tatort-kurdistan.blog.de

Wenn ihr die Kampagne unterstützen möchtet aktiv oder mit eurem Namen,
dann schreibt uns eine Mail an TATORT_Kurdistan@aktivix.org.

Internationalistische Grüße von der
Kampagne TATORT Kurdistan

Den Taksim zurückerobert

Türkei: Gewaltige Maikundgebung mit Hunderttausenden Teilnehmern

Mit einer gewaltigen Mai-Kundgebung von bis zu 300000 Teilnehmern hat die türkische Arbeiterbewegung nach 33 Jahren Verbot ihre Rückkehr auf den Istanbuler Taksim-Platz gefeiert. Auf Transparenten waren Losungen zu lesen wie: »Ihr Mörder, euer 12.-September-Putsch kann uns nicht aufhalten. Wir sind nach 33 Jahren immer noch da«.
1977 hatten Scharfschützen der Konterguerilla das Feuer auf die Maikundgebung der Föderation Revolutionäre Arbeitergewerkschaften DISK auf dem Taksim eröffnet. 37 Menschen wurden damals getötet. Mit solchen Massakern wurde dem Militärputsch von 12. September 1980 der Weg bereitet. Seitdem war der Taksim für die Arbeiterbewegung gesperrt. In den letzten Jahren hatte es Straßenschlachten gegeben, als Gewerkschafter versuchten, auf den Platz zu gelangen. Bereits am 30.April hatten Abgeordnete der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie BDP eine öffentliche Pressekonferenz auf dem Taksim-Platz zum Gedenken an die Opfer von 1977 und anschließend eine spontane Demonstration mit mehreren Hundert Teilnehmern durch die Istiklal-Fußgängerzone durchgeführt.

Am 1.Mai hatte die Polizei auch dieses Jahr mit mehr als 22000 Beamten die Innenstadt von Istanbul in eine Festung verwandelt. Kilometerlange Sperrzäune säumten die Wege zur Kundgebung, jeder einzelne Teilnehmer wurde durchsucht und insbesondere kurdisch aussehende Frauen schikaniert. Auf den Häusern um den Taksim-Platz waren Scharfschützen postiert. Doch Polizeiübergriffe blieben in diesem Jahr aus.

In einem dreiarmigen Sternmarsch strömten die Mitglieder der sechs aufrufenden Gewerkschaftsdachverbände, der kemalistischen Oppositionspartei CHP, der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie BDP sowie zahlreicher sozialistischer Organisationen wie der Türkischen Kommunistischen Partei, der Partei für Freiheit und Solidarität ÖDP und der Partei der Arbeit EMEP und kleinerer revolutionärer Organisationen auf den Platz. Arbeiter des staatlichen Tabakmonopols Tekel, die im Winter monatelang gegen ihre privatisierungsbedingte Entlassung gekämpft hatten, führten den Zug des Gewerkschaftsdachverbandes Türk-Is an. Neben Vertretern internationaler Gewerkschaftsverbände waren insbesondere aus Deutschland Dutzende Gewerkschaftsaktivisten und Mitglieder der Linkspartei, darunter der Europaabgeordnete Jürgen Klute, angereist. Sie trugen Transparente, in denen in vielen Sprachen einschließlich türkisch und kurdisch die Worte „Internationale Solidarität“ geschrieben waren. Im Block der linken Gewerkschaften DISK und KESK hieß es auf Transparenten der prokurdischen BDP auf türkisch und kurdisch “Yasasin 1 Mayis! Biji 1 Gulan!“ In Istanbul leben mehrere Millionen kurdischstämmige Arbeiterinnen und Arbeiter. Vereinzelt schwenkten Vermummte auch Fahnen von PKK-Führer Abdullah Öcalan inmitten der friedlich tanzenden kurdischen Kundgebungssteilnehmer.

Zu Provokationen kam es durch Mitglieder des äußerst rechten Türkischen Metallarbeitergewerkschaft, deren Vorsitzender wegen seiner mutmaßlichen Verwicklung in Militärputschpläne des Ergenekon-Netzwerkes angeklagt ist. Die Türk-Metall-Mitglieder drängten vor die Bühne und attackierten dort Tekel-Arbeiter sowie Mitglieder linker Gruppen mit Stangen und Schlägen. Auch eine Gasgranate wurde geworfen. So wurde die Stimmung vor der Bühne künstlich angeheizt.

Als dann Mustafa Kumlu, der Vorsitzende des größten türkischen Gewerkschaftsdachverbandes Türk-Is, die Eröffnungsrede halten wollte, begannen wütende Arbeiter Flaschen und Steine zu werfen. Kumlu, ein Mitbegründer der islamisch-konservativen AK-Regierungspartei und Vertrauter des Staatspräsidenten, hatte die Tekel-Arbeiter immer wieder im Regen stehen lassen, in dem er eine Ausweitung des Kampfes verhinderte. Tabakarbeiter, Feuerwehrmänner und andere aufgrund der staatlichen Privatisierungspolitik entlassene Staatsangestellte stürmten die Bühne und vertrieben Kumlu und weitere Türk-Is-Bürokraten, die sich über einen Sperrzaun in Sicherheit bringen mussten.

Als die Lage zu eskalieren drohte, ergriff Sami Evren, der Vorsitzende der Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes KESK das Wort. In einer kämpferischen Rede beschwor er das Erbe der in den 70er Jahren ermordeten türkischen Revolutionäre Ibrahim Kaypakkaya und Mahir Cayan ebenso wie des im Gefängnis gestorbenen Mitbegründers der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, Mazlum Dogan. Evren forderte die vollständige Aufklärung des Taksim-Massakers von 1977 und aller anderen staatlichen Morde sowie eine friedliche Lösung der kurdischen Frage. Schließlich durfte ein Tekel-Arbeiter im Namen aller streikenden Belegschaften eine Protesterklärung gegen die Privatisierungspolitik der Regierung verlesen. Für die internationalen Delegationen sprach Selahattin Yildirim von der NGG Dortmund ein Grußwort. Yildirim erklärte, das Frieden eine Voraussetzung auch für soziale Gerechtigkeit und Demokratie sei. Viel Applaus bekam auch der DISK-Vorsitzende Suleyman Celebi für seinen Vorschlag: »Dieser Platz sollte 1.-Mai-Platz heißen, weil ihn die Arbeiterklasse trotz Verbots am 1.Mai nie vergessen hat.«

Auch in anderen türkischen und kurdischen Städten wie Ankara und Batman kam es zu Mai-Kundgebungen mit Zehntausenden Teilnehmern. Der 1.Mai war ein großartiger Erfolg der Arbeiterbewegung, die damit gegenüber der Regierung deutlich gemacht hatte, dass sie die neoliberale Politik nicht mehr länger mittragen wird. Dabei wurde die Forderung nach sozialen Rechten mit der Frage einer neuen, demokratischen Verfassung und einem Ende des Krieges in Kurdistan verknüpft.