Tabubruch

Erstes öffentliches Gedenken an Armenier-Völkermord in der Türkei

Erstmals wurde am 95.Jahrestag des Beginns des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich öffentlich in der Türkei der während des Ersten Weltkrieges ermordeten Armenier gedacht. Mitglieder des türkischen Menschenrechtsvereins IHD erinnerten am Bahnhof Haydarpasa an die ersten 220 armenische Intellektuelle und Gemeindevorsteher, die am 24.April 1915 auf Weisung der damals herrschenden jungtürkischen Militärjunta von hier aus deportiert wurden. Über eine Millionen Armenier kamen bei den auch von deutschen Offizieren unterstützten Deportationen in die mesopotamische Wüste ums Leben. Da eine Reihe von Verantwortlichen für den Völkermord später in Mustafa Kemals Befreiungsarmee kämpften und die türkische Nationalversammlung den Raub armenischen Eigentums legalisiert hatte, ist es bis heute in der Türkei verboten, von einem Genozid zu sprechen. Auch Intellektuelle und Künstler, die in den letzten Wochen eine öffentliche Entschuldigung an das armenische Volk unterzeichnet hatten, vermieden das Wort „Genozid“ und sprachen lieber von der „Großen Katastrophe“ der Massaker von 1915-17. Samstag Abend versammelten sich rund 75 Unterzeichner der in der Türkei vieldiskutierten Erklärung und einige hundert Unterstützer auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul. „Dieser Schmerz ist unser Schmerz, unsere gemeinsame Trauer“ stand auf einem von roten Nelken und Kerzen umgebenen Transparent. Gezeigt wurde auch ein Bild des 2007 in Istanbul von einem Faschisten erschossenen armenischen Journalisten Hrant Dink. „Ein weiterer Teil des Tabus ist gebrochen“, erklärte der Politologe und Mitorganisator der Gedenkveranstaltung Cengiz Aktar. Anschließend zogen die Teilnehmer des Gedenkens durch die Istiklal-Fußgängerzone und riefen „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“ und „Für die Brüderlichkeit von Armeniern, Türken und Kurden.“ Rund 1000 Polizisten schützen die Gedenkfeiern nach vorangegangen Drohungen nationalistischer Gruppen. Einige Dutzend Gegendemonstranten, darunter ehemalige Diplomaten, die an ihre von der armenischen Untergrundorganisation ASALA in den 70er und 80er Jahren ermordeten Kollegen erinnerten, wurden von der Polizei aufgehalten.

In Armeniern selber gedachten Zehntausende des Völkermordes. Ende letzter Woche hatte der armenische Präsident Serge Sarkisjan eine im vergangenen Jahr auf Druck von USA und Russland eingeleitete Normalisierung der Beziehungen zur Türkei für beendet erklärt. Neben der fortgesetzten Weigerung der türkischen Regierung, den Genozid anzuerkennen, kritisierte Sarkisjan, dass die türkische Regierung die Lösung des Konflikts um die abtrünnige armenische Enklave Nagorni Karabach in Aserbaidschan als Voraussetzung der Normalisierung ansieht. Die ultranationalistische armenische Regierungskoalition hatte zuvor angekündigt, die Ratifizierung der Verträge mit der Türkei von der parlamentarischen Tagesordnung zu nehmen. Die Grenze zwischen der Türkei und Armenien wird so vorerst geschlossen bleiben.


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