Der Wolf mit der Glocke

Der kurdische Film »Min Dît: Die Kinder von Diyarbakir« ist in ­deutschen Kinos angelaufen

Von Nick Brauns

Mitte April erschoß ein PKK-Kommando in der Schwarzmeerstadt Samsun zwei Polizisten als Vergeltung für die Übergriffe des türkischen Staates auf Kurden. Blutige Rache am Mörder ihrer Eltern will auch die 10jährige Gulistan nehmen. Mit großen Augen schaut sie den nackt im Bett liegenden Geheimagenten an, der ihre Eltern, Journalisten einer oppositionellen Tageszeitung, vor ihren Augen an einer Straßensperre hingerichtet hatte. Doch die dem Agenten entwendete Pistole zittert in der Hand des Mädchens, Tränen laufen ihr die Wangen herunter.

Da erinnert sich Gulistan an das alte Volksmärchen vom bösen Wolf. Die Dorfbewohner hatten beschlossen, den Wolf nicht zu töten, sondern ihn lieber durch eine Glocke weithin erkennbar als Wolf zu markieren, damit die Schafe gewarnt sind. Eine Kassette mit diesem Märchen, das ihre Mutter für Gulistan und ihren kleinen Bruder Firat aufgenommen hatte, ist das letzte Andenken, das den nun auf der Straße lebenden Kindern an die Eltern geblieben ist. Gemeinsam mit ihren Freunden, einer von Kleinkriminalität lebenden Kinderbande und der jungen Prostituierten Dilan, hängen nun auch Gulistan und Firat dem Geheimdienstkiller Nuri Kaya im übertragenen Sinn eine solche Glocke um, damit dieser nie wieder im Kreise seiner Nachbarschaft als treusorgenden Familienvater erscheinen kann.

Der bereits mehrfach preisgekrönte Film »Min Dît« (Ich habe gesehen) von Regisseur Miraz Bezar ist der erste kurdischsprachige Film, der offiziell in der Türkei gezeigt wird. Schon dies ist eine kleine Revolution in einem Land, in dem immer noch Politiker wegen des Gebrauchs der kurdischen Sprache zu Haftstrafen verurteilt und kurdischer Schulunterricht von der Verfassung verboten wird. Im Film gibt es eine Szene, in der die Jugendbande um ein Lagerfeuer sitzt und singt: »Wo ist meine Heimat Kurdistan?« Auf dem Filmfestival »Golden Orange« im türkischen Badeort Antalya verließen mehrere Zuschauer erbost das Kino, als das K-Wort ertönte, und eine kleine Gruppe türkischer Faschisten protestierte lautstark gegen den Film.

Als Regisseur Miraz Bezar, Kurde aus Berlin, Ende 2005 in die kurdische Metropole Diyarbakir im Osten der Türkei ging, um einen Film zu drehen, hatte er weder ein Drehbuch noch mehr Geld als zum Mieten einer Kamera notwendig war. Gemeinsam mit seiner Koautorin, der Mitte April erst 34jährig an Krebs verstorbenen Journalistin Evrim Alatas, sammelte Bezar die persönlichen Geschichten der vielfach durch den Krieg traumatisierten Menschen. »Alles, was ich in dem Film erzähle, hat in der einen oder anderen Form in Diyarbakir stattgefunden. Speziell der Überlebenskampf zweier Kinder, die ihre kleine Schwester verlieren, weil sie ganz ohne Unterstützung von Erwachsenen für sich selbst sorgen müssen, basiert auf wahren Begebenheiten«, so Bezar. »Anstelle epischer Fiktion wollte ich eine Collage dieser Splitter wirklichen Lebens montieren. Ich wollte eine Vielzahl von Themen ansprechen, ohne dabei allerdings einen Kompilationsfilm zu produzieren.«

Die überzeugend agierenden Senay Orak (Gulistan), Muhammed Al (Firat) und die anderen Kinder im Film sind Laiendarsteller vor allem aus den armen Vierteln. »Emil und die Detektive« kommt einem kurzzeitig in den Sinn, als die Kinderbande mit Glück und List den Täter aufgespürt hat. Doch weil die Handlung in Kurdistan und nicht in Berlin spielt, sind die Hintergründe ungleich realistischer und härter als in Erich Kästners Roman.

In den 1990er Jahren wurden 17000 kurdische Zivilisten durch »unbekannte Täter« ermordet. »Solange das Geschehene nicht gesellschaftlich aufgearbeitet wird, kann die Gewalt jederzeit wieder eskalieren«, warnt Regisseur Bezar. Tatsächlich sind die Wölfe sind noch unter uns. Gerade meldet die türkische Menschenrechtsstiftung bereits zwölf »extralegale Tötungen« durch Sicherheitskräfte in diesem Jahr. Am 3. April wurde Metin Alatas, Journalist der kurdischsprachigen Tageszeitung Azadiya Welat, erhängt aufgefunden. Seine Freunde zweifeln an einem Selbstmord. Am 31. März wurde der 14jährige Mehmet Nuri Tancoban von der Militärpolizei im Dorf Caldiran erschossen. Zwei Wochen vorher war Kerem Gün, ein Jugendfunktionär der verbotenen Partei für eine Demokratische Gesellschaft DTP, in Sirnak von Soldaten mit mehreren Schüssen regelrecht hingerichtet worden. Doch nicht Vergeltung sondern die Aufdeckung der Wahrheit ist das Gebot der Stunde, lautet die Botschaft von »Min Dît«, die Solidarität der Schwachen kann gegen einen überlegenen Feind bestehen.

»Min Dît: Die Kinder von Diyarba­kir«, Regie: Miraz Bezar, Deutschland/Türkei 2009, 102 min, bereits angelaufen


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