Tabubruch in der Türkei

Öffentliche Debatte über Massaker an den Dersim-Kurden vor über 80 Jahren

Mehr als 80 Jahre nach der Niederschlagung des Aufstandes der alevitischen Kurden in der Bergregion Dersim werden die bislang totgeschwiegenen Massaker an bis zu 70 000 Menschen erstmals in der türkischen Öffentlichkeit diskutiert. 1937 hatten sich die Dersim-Kurden unter Führung des Geistlichen Seyid Riza gegen das Verbot der kurdischen Sprache und für Autonomierechte erhoben. Die Armee schlug mit Fliegerbombern und Giftgas zurück, Zivilisten wurden in Berghöhlen eingemauert oder in ihren Häusern verbrannt. Anschließend wurden 100000 Kurden in andere Landesteile deportiert.

Ausgelöst wurde die jetzt von Kolumnisten der Tageszeitungen, Politikern und Historikern geführte Debatte vor zwei Wochen durch eine Rede des stellvertretenden Vorsitzenden der kemalistischen Oppositionspartei CHP, Onur Öymen, während einer Parlamentsdebatte über mehr Rechte für die kurdische Bevölkerung. Öymen hatte das Vorgehen der Armee in Dersim als Beispiel für die »Bekämpfung des Terrorismus« gelobt und damit wütende Proteste von Aleviten und Kurden ausgelöst. »Entweder geht Öymen oder wir verlassen die CHP«, lautet die Drohung von Verbänden der alevitischen Religionsgemeinschaft, die bislang aufgrund ihrer Angst vor einer Islamisierung der Türkei als traditionelle Unterstützter der laizistischen CHP gelten. In der Region Dersim traten bereits 300 CHP-Funktionäre zurück oder aus der Partei aus, darunter drei Bürgermeister von Kreis­städten, zahlreiche Stadtratsmitglieder, zwei Kreisvorsitzende und mehrere Vorstandsmitglieder.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan von der islamisch-konservativen AKP sprach in einer Erwiderung auf Öymen demonstrativ vom »Dersim-Massaker«. Dies ist ein Tabubruch, da die türkische Verfassung jede Kritik an Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk verbietet, auf dessen Weisung die Niederschlagung des Aufstandes erfolgte. »Wenn Dersim ein Massaker war, was waren dann die armenischen Ereignisse«, fragt der Chefredakteur des Massenblattes Hürriyet, Ertugrul Özkök, nach weiteren Konsequenzen der Zurückweisung der »offiziellen Geschichtsthesen« im Parlament. »Sollen wir das dann ein großes, ein riesiges, ein gewaltiges Massaker nennen«, spielt Özkok darauf an, daß es nach türkischen Gesetzen bislang verboten ist, von einem Genozid an den Armeniern 1915/16 zu sprechen. Hasan Saltuk, der Autor eines Buches mit erstmals veröffentlichten Militärdokumenten zur Niederschlagung des Dersim-Aufstandes, meint: »Eigentlich müßten wir Öymen gratulieren. Denn ihm ist es gelungen, woran die Bewohner von Dersim seit Jahren scheiterten: das Thema auf die öffentliche Agenda zu setzen.« Im Rahmen des jetzt von der Regierung verkündeten Reformpakets soll die in den 30er Jahren als Zeichen ihrer Unterwerfung in Tunceli – das bedeutet Eisenfaust – umbenannte Provinz demnächst wieder ihren kurdischen Namen Dersim tragen.

Doch heute findet die Zerstörung Dersims ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln. Nachdem die Armee in den 80er und 90er Jahren durch die Vernichtung von Dörfern rund die Hälfte der Bewohner Dersims vertrieben hatte, werden jetzt 18 Talsperren gebaut, um die aufständische Region durch die Flutung ihrer Täler unpassierbar zu machen. Die Pläne dafür liegen schon lange bereit. »Nach der Zerstörung der Bergdörfer wird die PKK isoliert sein«, hatte 1993 der damalige Staatspräsident Turgut Özal in einem regierungsinternen Papier geschrieben: »Eine Möglichkeit, die Rückkehr der Menschen in die Dörfer zu verhindern, ist der Bau einer großen Zahl von Staudämmen an geeigneten Stellen.«

junge Welt 24.11.2009


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