Die Wut der Kurden

Großdemonstrationen und Protestaktionen in vielen Städten

Die Wut zahlreicher Menschen gegen die Kurdenpolitik der türkischen Regierung hat sich am Wochenende in kurdischen Städten in aufstandsähnlichen Massenprotesten entladen. Viele Kurden wollen sich von der Regierung nicht mehr mit vagen Versprechungen zu demokratischen Reformen abspeisen lassen, während Militäroperationen und Verhaftungen kurdischer Politiker fortgesetzt werden. So waren erst vor wenigen Tagen in einem Dorf bei Van zwei PKK-Guerillakämpfer und ein Zivilist von Kommandoeinheiten der Armee nach ihrer Gefangennahme getötet worden.

Die meisten Ladenbesitzer hatten aus Solidarität mit dem bereits am Freitag begonnenen »Serhildan« (kurdisch für Volksaufstand) ihre Geschäfte geschlossen, viele Schüler boykottierten den Unterricht. In der Metropole Diyarbakir beteiligten sich am Samstag auch Bürgermeister Osman Baydemir und mehrere Abgeordnete der Partei für eine Demokratische Gesellschaft, DTP, an einer Großdemonstration. Viele Teilnehmer trugen Bilder des inhaftierten Führers der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, Abdullah Öcalan, sowie des kürzlich vom Militär in Lice durch Mörserbeschuß getöteten 13jährigen Hirtenmädchens Ceylan Önkol. Die Demonstranten riefen Parolen wie »Die PKK ist das Volk, und das Volk ist hier«. Die Polizei griff die Protestzüge in allen Städten mit Wasserwerfern, Räumpanzern und Tränengas an. Mehrfach wurde scharf geschossen. Gasgranaten wurden auch in Wohnhäuser und den Hof einer Grundschule abgefeuert. In Cizre erlitt ein dreijähriges Kind durch eine Gasgranate eine lebensgefährliche Kopfverletzung. In Yüksekova wurde ein 14jähriger Junge vor einem DTP-Büro von einer Polizeikugel in die Brust getroffen. Jugendliche warfen ihrerseits Molotowcocktails und Steine auf die Polizei und zündeten Autos an.

Anlaß der militanten Proteste war der Jahrestag der erzwungenen Ausreise von Öcalan aus seinem langjährigen syrischen Exil am 9. Oktober 1998 nach offenen Kriegsdrohungen der türkischen Armee. Für viele Kurden war dies der Beginn des »internationalen Komplotts«, das nach einer monatelangen Irrfahrt durch Europa am 15. Februar 1999 mit der Gefangennahme Öcalans durch den türkischen Geheimdienst in Kenia endete. Auch im französischen Strasbourg demonstrierten am Samstag Tausende Kurden aus mehreren europäischen Ländern für eine demokratische Lösung der kurdischen Frage.

junge Welt 12.10.09


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