Interview mit Meral El: »Viele planen jetzt gemeinsame Projekte«

Das erste Sozialforum im Mittleren Osten war für die Organisatoren ein Kraftakt – und seine Durchführung trotz Repression ein kleiner Sieg.

Meral El gehört dem Internationalen Koordinierungskomitee des Mesopotamischen Sozialforums (MSF) an, das am Dienstag abend in Diyarbakir (Südosttürkei) zu Ende ging. Die kurdischstämmige Deutsche bleibt nun für ein Jahr in der Stadt
Sie haben sich intensiv an der Vorbereitung des Mesopotamischen Sozialforums (MSF) in der türkischen Stadt Diyarbarkir beteiligt. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?

Im Großen und Ganzen ist es sehr gut gelaufen. Zumal es in dieser Region das erste Sozialforum in Kombination mit einem internationalen Camp war. Für mich war vor allem sehr beeindruckend, wieviel internationalen Austausch es auch unabhängig von den großen Podiumsdiskussionen gab. Teilnehmer aus so verschiedenen Ländern wie Jordanien, Palästina, dem Irak, Deutschland und Mexiko haben sich hier auch persönlich kennengelernt. Dadurch sind Freundschaften entstanden, es wurden E-Mail-Adressen getauscht; viele, vor allem junge Leute aus verschiedenen Ländern haben sich hier spontan getroffen und planen jetzt gemeinsame Projekte. Der intensivere persönliche Kontakt, der den Internationalismus lebendig macht, war auch Sinn des Amed-Camps – und das ist, denke ich, sehr gut gelungen.Auch technisch und organisatorisch hat das MSF so gut funktioniert, daß die hier anwesenden Teilnehmer des Weltsozialforums und des Europäischen Sozialforums beeindruckt waren – von der Verpflegung bis zu den Podiumsdiskussionen, die simultan in mehrere Sprachen übersetzt werden mußten. Natürlich hatten wir die üblichen kleinen technischen Probleme. Aber große Schwierigkeiten hatten wir während der Veranstaltung nicht.

Zuvor wurden mehrere Personen verhaftet, die an der Vorbereitung beteiligt waren. Wie hat sich das auf die Organisation ausgewirkt?
Die Verhaftungen haben dazu geführt, daß einige von uns in diesen Tagen mehr leisten mußten. Aber sie haben nicht dazu geführt, daß etwas nicht funktioniert hat. Allerdings war es für uns auch eine psychische Belastung, weil unklar war, ob es noch mal eine Verhaftungswelle gibt. Wir waren unsicher, wie wir damit umgehen sollten und ob das Sozialforum möglicherweise gefährdet ist. Es gab sogar Sprüche wie »Hoffentlich nehmen sie uns erst hinterher fest, wenn wir es geschafft haben«. Einige der Aktivisten hier haben schon früher die frustrierende Erfahrung gemacht, kurz vor dem Ziel verhaftet zu werden, nachdem sie ein Jahr lang dafür gearbeitet hatten. Deshalb sind wir im Moment alle sehr erleichtert.

Rechnen Sie nun mit weiteren Verhaftungen und Anklagen, oder hat die letzte Welle womöglich »nur« dazu gedient, das Sozialforum zu sabotieren?

Das ist sicherlich ein Aspekt. Ob es jetzt mit der Repression weitergeht, ist schwer einzuschätzen, weil die türkische Regierung zur Zeit eine sehr ambivalente Politik verfolgt. Es kann sein, daß sie auf Anklagen verzichtet, es kann aber auch sein, daß sie nur ein paar Wochen wartet. Die Repression hat aber bereits lange vor dem Treffen eingesetzt, oder?

Die Vorbereitung des MSF hat letztes Jahr im August begonnen, seither gab es mehrere Verhaftungswellen. Die erste noch im August 2008; die zweite im Frühjahr nach den Kommunalwahlen. Diese beiden Male war das geplante Sozialforum nicht der unmittelbare Grund, aber es traf politisch aktive Menschen aus der Frauen- und der Jugendbewegung, den Gewerkschaften und der »Partei der Demokratischen Gesellschaft«, der DTP, die an der Vorbereitung des MSF beteiligt waren. Zwei Wochen vor der Eröffnung gab es eine weitere Verhaftungswelle, die sehr offensichtlich dem MSF gegolten hat, auch wenn es nicht die offizielle Begründung war. Es traf 19 Leute, die zum Teil organisatorische Aufgaben beim MSF übernommen hatten oder fest als Moderatoren eingeplant waren. Neun wurden zwei Tage später wieder frei gelassen, zehn sind nach wie vor in Haft. Was den Verhafteten als Begründung vorgeworfen wird, ist die Nähe zur kurdischen Arbeiterpartei PKK oder deren Unterstützung. Das genügt hier schon für ein paar Jahre Gefängnis – und es ist ein Vorwurf, der politisch aktive Kurden sehr schnell treffen kann. Im Camp ist übrigens die Idee entstanden, die Gefangenen durch eine Postkartenaktion moralisch zu unterstützen.


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