Archiv für September 2009

Interview: Die junge Generation ist stark politisiert

Das »Amed Camp« soll in Diyarbakir Theorie und Praxis internationaler Solidarität verbinden.

Ein Gespräch mit Ellen Jaedicke

Ellen Jaedicke arbeitete 2007 als Freiwillige in einem Frauenprojekt der Kommunalverwaltung in Diyarbakir und gehört der deutschen Vorbereitungsgruppe für das »Amed Camp« an, das vom 25. bis 30. September im Rahmen des Mesopotamischen Sozialforums (MSF) stattfindet

Frage: Welche Ziele verfolgt das Mesopotamischen Sozialforums (MSF)?

Ziel ist es, den Austausch zwischen Aktivisten der sozialen Bewegungen im Mittleren Osten und europäischen Gleichgesinnten zu fördern, die Kräfte zu bündeln und soziale Perspektiven für die Region zu diskutieren. Beim gemeinsamen Zelten und Frühstücken im »Amed Camp« können die Teilnehmer diese Diskussionen vertiefen.

Die Idee existiert schon etwa so lange, wie es Sozialforen gibt. Sie stammt aus Diyarbakir selbst. Aber es hat auch aufgrund der Verfolgung von Oppositionellen und Gewerkschaftern in der Türkei, besonders in den kurdischen Gebieten, eine Weile gedauert, bis es konkret wurde. Seit den Kommunalwahlen im März gibt es eine neue Repressionswelle. Trotzdem wurde beschlossen, das Sozialforum durchzuführen – und gerade damit ein Zeichen gegen die Kriminalisierung zu setzen.

Frage: Auf welches Verhalten der türkischen Sicherheitsbehörden müssen sich die Teilnehmer des Sozialforums in Diyarbakir einstellen?

Wir lassen das auf uns zukommen, denken aber, daß Öffentlichkeit und die Beteiligung offiziell als »demokratisch« anerkannter Organisationen, vor allem aus Westeuropa einen gewissen Schutz bieten. Jedenfalls während der Veranstaltung. Aber die Repression gegen kurdische Aktivisten wird auch nach dem MSF nicht enden.

Frage: Ist das »Amed Camp« mit linken Treffen vergleichbar, wie man sie aus Westeuropa kennt, oder können die Teilnehmer eine ganz andere Kultur kennenlernen?

Spannende Frage. Sicher gelten dort zum Teil andere soziale Regeln. Wir haben versucht, in Vorbereitungsseminaren etwas davon zu vermitteln. Die junge Generation ist aber stark politisiert. Zum Teil zwangsläufig durch die türkische Repression in den kurdischen Gebieten. Besonders junge Leute scheinen mir sehr am Austausch mit Linken aus Europa und der ganzen Welt interessiert. Deshalb denke ich nicht, daß kulturelle Mißverständnisse ein Problem sein werden. Es sind auch viele europäische Aktivisten dabei, die schon einmal in der Region waren. Der Do-it-yourself- Charakter linker Sommercamps in Europa wird auch Teil des dortigen Zeltlagers sein, aber aufgrund der politischen Situation vor Ort ist das Camp nicht vergleichbar mit anderen.

Frage: Welchen Eindruck hatten Sie vom Frauenbild der kurdischen Bewegung?

Das sticht sofort ins Auge: Die Beteiligung von Frauen am politischen Leben dort ist sehr hoch. In den Parteistrukturen der DTP sowieso. Sie stellt in der Türkei mehr Bürgermeisterinnen als alle anderen Parteien zusammen. In Diyarbakir gibt es zudem eine Menge sozialer Projekte von und für Frauen. Die Demokratische Freiheitliche Frauenbewegung DÖKH arbeitet nicht nur im Rahmen solcher Projekte, in der DTP und den Kommunalverwaltungen, sondern versucht auch, auf ideologischer Ebene durch Bildungsarbeit für Frauen Veränderung herbeizuführen.

Frage: Kurden leben nicht nur in der Türkei, sondern auch in Syrien und dem Iran – und im Norden des besetzten Irak. Wie ist das Verhältnis der DTP und der sozialen Bewegungen im türkischen Teil Kurdistans zur dortigen Autonomieregierung?

Da gibt es wenig Gemeinsamkeiten. Frauenrechte spielen dort zum Beispiel keine große Rolle. Die Regierung unter Regionalpräsident Masud Barsani hat autoritäre Züge. Für Nordkurden hat dieses Gesellschaftsmodell keinen Vorbildcharakter. Das Selbstverständnis der DTP ist im Gegensatz zur Partei Barsanis KDP sehr basisdemokratisch und setzt auf Mitbestimmung, die jetzt auch in Form der neu entstanden Rätestrukturen von der Basis eingefordert wird.

junge Welt 3.9.09, Interview: Claudia Wangerin