Konterguerilla im Einsatz

Krieg in den kurdischen Landesteilen geht trotz Reformversprechen weiter

Während die türkische Regierung demokratische Reformen zur Lösung der kurdischen Frage verkündet, geht der Krieg in den kurdischen Landesteilen unvermindert weiter. So laufen in den Provinzen Hakkari und Sirnak im türkisch-irakischen Grenzgebiet seit Tagen großangelegte Militäroperationen gegen Guerillakämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, an denen Bodentruppen einschließlich paramilitärischer kurdischer Dorfschützer sowie Kampfhubschrauber beteiligt sind. Von Berggipfeln aus wurden auch Ziele im Nordirak beschossen. In Sirnak wurden zuvor geräumte Dörfer und große Waldgebiete in Brand geschossen.

Zur Einschüchterung der Bevölkerung greift das Militär auch zu Mitteln der Spezialkriegsführung. So meldeten Dorfbewohner, daß in der Nähe von Erzincan eine zwölfköpfige Militäreinheit in Guerillakleidung von der Bevölkerung Wertgegenstände erpreßt. Durch solche Operationen unter falscher Fahne soll offenbar die PKK diskreditiert werden. Bei Silvan in der Provinz Diyarbakir halten bewaffnete Konterguerillamänner in Zivilkleidung seit über einer Woche zehn Bergdörfer unter Blockade. In einem Korrespondentenbericht der Nachrichtenagentur Firat heißt es: »Tagsüber bewegen sich die Kontras versteckt in den Bergregionen, während sie nachts Hinterhalte in der Nähe der Dörfer legen. Die Bevölkerung der Dörfer lebt in Todesangst.«

Während auch in der Region Tunceli (kurdisch: Dersim) eine Militäroperation anlief, wurde der seit dem Frühjahr geltende Ausnahmezustand für eine Reihe von Gebieten bis Ende November verlängert. Im Stadtbild von Dersim sind Kühe und Schafe mittlerweile normal, weil viele Hirten und Bauern ihr Vieh nicht auf die Weiden bringen können. Wer sich das teure Futter nicht leisten kann, muß sein Vieh verkaufen. So soll die örtliche Bevölkerung offenbar auch durch ökonomischen Druck zur Abwanderung gezwungen werden.

Unterdessen hat das 13. Istanbuler Hohe Strafgericht die linke prokurdische Tageszeitung Günlük mit einem einmonatigen Erscheinungsverbot belegt. Das Gericht wirft der nach mehreren Erscheinungsverboten ihrer Vorgängerzeitung Gündem zu Jahresbeginn neugegründete Zeitung PKK-Propaganda vor. Bei den beanstandeten Artikeln handelt es sich um wissenschaftliche Analysen des im kanadischen Toronto lehrenden Linguisten Amir Hassanpour zum kurdischen Satellitensender MED-TV. »Wir können nicht von einer demokratischen Öffnung reden, wenn wir das kurdische Volk nicht sprechen lassen«, verurteilt Günlük-Chefredakteurin Filiz Koçali die staatliche Zensur.

junge Welt 27.8.09


0 Antworten auf „Konterguerilla im Einsatz“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei + = sieben