Ilisu-Staudamm bedroht Zehntausende

Ilisu-Gipfel in Berlin fordert Ausstieg der Bundesregierung aus dem türkischen Megaprojekt

Von Nick Brauns

»Hört auf mit dem Wahnsinn«, appellierte Tarkan an die deutsche Regierung. Sie solle ihre Unterstützung für den Ilisu-Großstaudamm im Südosten der Türkei zurückziehen. Der türkische Popstar war der bekannteste Teilnehmer eines internationalen Ilisu-Gipfels am Donnerstag abend in Berlin. Am 6. Juli läuft ein Ultimatum der Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz an Ankara aus. Bis dahin müssen 153 Auflagen im Bereich Umwelt, Kultur und Umsiedlungen erfüllt sein. Anderenfalls würden Exportrisikoversicherungen in Höhe von fast einer halben Milliarde Euro für die am Bau beteiligten europäischen Firmen zurückgezogen.

Doch hinter den Kulissen laufen derzeit intensive Verhandlungen, und die Türkei hat neue Berichte geliefert. Nun befürchten die Staudammgegner einen schmutzigen Kompromiß. Denn die Realität vor Ort sei ernüchternd, berichten Heike Drillisch und Christine Eberlein von der »Stop Ilisu«-Kampagne. Nur für sechs von über 190 von der Überflutung bedrohte Ortschaften existiere bislang ein detaillierter Umsiedlungsplan. Auch gebe es keinerlei Konzepte zur Rettung der 11000 Jahre alten mesopotamischen Stadt Hasankeyf mit ihren einzigartigen archäologischen Kostbarkeiten.

65000 Menschen würden durch den Dammbau am Unterlauf des Tigris vertrieben. Für sie sprach in Berlin der Bürgermeister der Großstadt Batman, Nejdet Atalay: »Die Menschen leben von Landwirtschaft und Viehzucht. Wenn sie aus ihren Dörfern vertrieben werden, müssen sie in Slums dahinvegetieren.« Seine Stadt, die einen Großteil der Vertriebenen aufnehmen müsse, sei in die Pläne der Regierung nicht einbezogen worden. »In diesem Gebiet ist seit 30 Jahren Krieg«, sagte der wegen Äußerungen zur kurdischen Frage zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Politiker. Er deutete an, daß sich der Staudammbau auch gegen die kurdische Freiheitsbewegung richtet, die in der Region einen starken Rückhalt hat.

»Hasankeyf ist zentraler Teil unserer Identität und die wirtschaftliche Zukunft für die gesamte Region«, betonte Atalay. Tausende Menschen haben eine Petition unterschrieben, um Hasankeyf und das Tigris-Tal unter den Schutz der UNO zu stellen. Laut einem Gutachten der Universität Istanbul erfüllt die Region neun von zehn Kriterien für den Status als UNESCO-Weltkultur- und Naturerbe und wäre damit ähnlich bedeutsam wie die Pyramiden von Gizeh oder der Grand Canyon in den USA.

»Alle Entscheidungen über den Staudamm fallen in Ankara«, versuchte Hans-Joachim Henckel vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie der türkischen Regierung den Schwarzen Peter zuzuschieben. Dem widersprach ein Wasserbauingenieur von der »Initiative zur Rettung von Hasankeyf«. Ohne das technologische Knowhow der europäischen Firmen sei das Projekt nicht zu realisieren, und diese würden ohne Deckung der Exportrisikoversicherer aus dem Ilisu-Konsortium aussteigen.

junge Welt 30.05.2009 / Inland / Seite 4


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