junge Welt: Feudalsystem verurteilt

Nach Hochzeitsmassaker Abschaffung der Dorfschützermilizen gefordert

Von Nick Brauns

Während Dienstag abend die ersten Toten des Massakers an den Gästen einer Hochzeitsfeier beerdigt wurden, geht in der Türkei der Streit über die Hintergründe des Blutbads weiter. In der Nacht zum Montag hatten vermummte Männer eine Hochzeitsfeier im kurdischen Dorf Bilge in der Provinz Mardin überfallen und mit Schnellfeuergewehren 44 Menschen, darunter das Brautpaar, 17 Frauen und sechs Kinder, niedergemetzelt. Hintergrund der Tat soll laut türkischen Medienberichten eine langjährige Fehde zwischen Familien desselben Clans sein, die eskalierte, als ein anderer Bewerber um die Braut abgewiesen wurde.

Der islamisch-konservative Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sowie Politiker der kemalistischen Opposition forderten, die archaischen Gesetze von Ehre und Blutfehde im Südosten des Landes mittels einer besseren Erziehung durch Universitäten und Me­dien zu überwinden. »Nicht die Tradition sondern das System ist tödlich«, erklärte dagegen der aus Mardin stammende Abgeordnete der linken kurdischen Partei für eine Demokratische Gesellschaft, DTP, Hasip Kaplan. Tatsächlich ist die türkische Regierungspolitik, die seit Gründung der Republik in den kurdischen Landesteilen auf ein Bündnis des Staates mit den feudalen Großgrundbesitzern setzt, die Hauptursache für den Erhalt rückständiger Strukturen und Bräuche. Gegen die DTP, die aktiv gegen Bräuche wie Zwangsheirat oder Blutrache ankämpft, läuft momentan eine massive Repressionswelle. Von Verhaftungen betroffen sind insbesondere Vertreterinnen der DTP-nahen Frauenbewegung, deren Motto lautet: »Wir sind niemandes Ehre. Unsere Ehre ist unsere Freiheit.«

Die ebenfalls aus Mardin stammende Vorsitzende der DTP-Parlamentsfraktion, Emine Ayna, forderte anläßlich des Blutbades von Bilge eine Abschaffung des sogenannten Dorfschützersystems aus rund 70000 dem Militär unterstellten kurdischen Milizmännern. So gehörten die Männer der beiden verfeindeten Familien diesen seit den 80er Jahren vom Staat gegen die Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, bewaffneten und finanzierten Milizen an. Oft bilden die Dorfschützer Privatarmeen örtlicher Großgrundbesitzer, die auf geraubten Ländereien der von ihnen oder der türkischen Armee vertriebenen Bauern leben und ihre Machtstellung auch für Drogenschmuggel und andere Verbrechen nutzen. Immer wieder kommt es zu bewaffneten Angriffen von Dorfschützern auf DTP-Mitglieder. Doch zunehmend weigern sich Angehörige der Milizen, an Militäroperationen gegen die PKK teilzunehmen. So erklärten zu Wochenbeginn Dorfschützer in der Provinz Sirnak gegenüber Journalisten, daß sie den jahrelangen Krieg in der Region satt hätten. »Soldaten verschleppen uns in Regionen die kilometerweit weg sind, um Krieg zu führen. Wenn wir uns weigern, bedrohen uns die Kommandeure. Wir können Dorfschützer sein, aber wir weigern uns, Sklaven der Armee zu sein.«

Die PKK, die in den 90er Jahren zahlreiche Dorfschützer getötet hatte, erklärte mehrfach, gegen Dorfschützer, die nicht mehr an Militäroperationen teilnähmen, nicht mehr vorzugehen.

jw 7.5.2009


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