Interview mit Songül Karabulut: »Imperialisten die kurdische Karte aus der Hand schlagen«

Berlin engagiert sich verstärkt in Irakisch-Kurdistan. Hintergrund ist die Nahostpolitik von US-Präsident Obama.

Ein Gespräch mit Songül Karabulut

Songül Karabulut ist im Vorstand des Kurdischen Frauenbüros für Frieden (Cenî) sowie des Europäischen Friedensrats Türkei

Frage: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat Ende Februar in Erbil, der Hauptstadt der nordirakischen Autonomieregion Kurdistan, ein deutsches Generalkonsulat eröffnet. Was sind die Hintergründe des gewachsenen deutschen Interesses an Irakisch-Kurdistan?

Vordergründig geht es um wirtschaftliche Ambitionen. So war vor der Eröffnung des Konsulats eine Delegation aus der Region Kurdistan in München, um eine Wirtschaftskonferenz für März vorzubereiten.Doch es gibt auch geostrategische Gründe. Es kann sein, daß sich Irakisch-Kurdistan aufgrund der gegenwärtigen Irak-Politik der USA unter Präsident Barack Obama weiter zu einem formal unabhängigen Staat entwickelt. Daher bemühen sich Länder wie die BRD, Frankreich, Großbritannien und Italien jetzt schon um politische, wirtschaftliche und kulturelle Kontakte in Irakisch-Kurdistan, um ihren Einfluß in der Region zu festigen. Um den rein wirtschaftlichen und politischen Interventionen der Bundesregierung entgegenzuwirken, wäre es meiner Auffassung nach wichtig, wenn z. B. die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Regionalbüro in Erbil eröffnen würde. Hierdurch könnten außerparlamentarische Friedens-, Frauen- und Demokratiekräfte unterstützt werden.

Frage: Wie beurteilen Sie die Nahostpolitik von Obama und welche Risiken sehen Sie dabei für die Kurden?

Obama hat mit gewissen verbalen Veränderungen auf sich aufmerksam gemacht. Aber ich denke, daß in der grundsätzlichen imperialistischen Expansionspolitik der USA keine Änderung stattfinden wird. Die gesamte US-Politik ist auf die Ausbeutung der Erde und auf Krieg ausgerichtet. Im Herzen des Mittleren Ostens hat die geostrategische Bedeutung Kurdistans in den letzten Jahren noch zugenommen, denn viele Gas- und Ölpipelines aus dem Kaukasus durchqueren inzwischen kurdische Gebiete. Außerdem eignet sich die ungelöste kurdische Frage für die imperialistischen Mächte noch immer als Destabilisierungsfaktor zur Kontrolle über die Türkei, den Iran, Syrien oder den Irak. Meiner Auffassung nach haben weltweit die Linken während des Irak-Krieges 2003 die Wichtigkeit der kurdischen Frage verkannt. Wenn es dafür eine gerechte Lösung gäbe, könnte dem Imperialismus die kurdische Karte aus der Hand geschlagen werden. Dafür brauchen wir aber die Unterstützung linker Kräfte in allen Ländern.

Frage: Beobachter befürchten bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Arabern im Irak nach einem Abzug der US-Truppen. Sehen Sie das auch so?

Die Gefahr ist real, da sowohl die kurdischen als auch die arabischen Autoritäten im Irak verantwortungslos handeln. Der irakische Ministerpräsident Al-Maliki verfolgt in letzter Zeit eine panarabische Linie, um damit der zunehmenden Bedeutung Irakisch-Kurdistans entgegenzuwirken.

Frage: Müssen in diesem Zusammenhang nicht auch die Interessen der Nachbarstaaten berücksichtigt werden?

Dabei spielen selbstverständlich auch die Interessen der arabischen Nachbarstaaten und des Iran eine Rolle. Dort gibt es die Befürchtung, daß sich Irakisch-Kurdistan zu einem unabhängigen Staat entwickeln und damit eine Stütze der USA werden könnte. Der Präsident der kurdischen Region, Masud Barsani, hat im Gegenzug mit der Abspaltung von Irak gedroht, falls Bagdad die Entsendung arabischer Soldaten in die kurdischen Gebiete nicht stoppt.
Kurden und Araber leben in der Region seit Tausenden Jahren zusammen, doch beide Seiten setzen jetzt auf blinden Nationalismus. Profitieren werden von einem solchen Konflikt nur die Imperialisten. Linke Kräfte müssen daher sowohl dem kurdischen als auch dem arabischen Nationalismus entgegenwirken und ihre Zusammenarbeit mit fortschrittlichen Kräften in der Nahost-Region verstärken.

Interview: Nick Brauns
aus: Junge Welt 4.März 2009


1 Antwort auf „Interview mit Songül Karabulut: »Imperialisten die kurdische Karte aus der Hand schlagen«“


  1. 1 Matthias SCHILBACH 03. November 2014 um 14:16 Uhr

    Inhaltlich stimme ich den Aussagen von Songül Karabutlut zu.
    Sie macht kluge Vorschläge. Was ich etwas störend empfinde, ist hier und da eine m.E. nicht so gelungene Wortwahl.
    Z.B. sollte die Eröffnung eines Büro´s der Rosa Luxemburg Stiftung in Erbil den Interventionen (reicht nicht Aktivitäten?) der Bundesregierung nicht entgegen wirken, sondern flankieren, ergänzen, etc. Dto. die US-Politik: natürlich ist diese imperialistisch, aber nur auf Krieg ausgerichtet?? Das ist meiner Meinung nach aktuell überzogen. Die Ami´s sind kriegsmüde und Obama versucht gerade eben nicht wieder den bisher lockerer sitzenden Colt zu ziehen.Gut finde ich die Selbstkritik bezüglich des Nationalismus, der in nahezu jeder Form, ganz sicher aber in jeder überzogenen Form blind macht. Blind sein bedeutet den Verlust des wichtigsten Sinnesorgans und im übertragenen Sinne Realitätsverlust.
    Trotz meiner hoffentlich nicht als kleinlich empfundenen Kritik finde ich den Beitrag gut und den Aufruf konstruktiv.

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