Interview mit Haluk Gerger: »Konterguerilla der Türkei gegen Linke und Kurden«

Einige ihrer Gruppen zogen sich den Unwillen der USA zu. Jetzt gibt es Säuberungen im Militär.

Ein Gespräch mit Haluk Gerger
Haluk Gerger ist marxistischer Politikwissenschaftler aus Istanbul. Auf deutsch erschien sein Buch »Die türkische Außenpolitik nach 1945 – vom Kalten Krieg zur Neuen Weltordnung« (isp Verlag, Karlsruhe 2008)

Frage: In der Türkei vergeht kaum ein Tag ohne neue Enthüllungen über mutmaßliche Mitglieder des nationalistischen Putschistennetzwerkes Ergenekon, die für Terroranschläge und Tausende Morde an linken und kurdischen Aktivisten verantwortlich sein sollen. Inwieweit liegen die Wurzeln von Ergenekon bei der in allen NATO-Staaten während des Kalten Krieges aufgebauten Konterguerilla Gladio?

Haluk Gerger: Die »Spezialabteilung« genannte türkische Gladio wurde von den USA im Rahmen der NATO-Kriegsplanung konzipiert, finanziert, ausgebildet und geleitet. Mit der Zeit versank der türkische Staat immer mehr in diesem terroristischen System, das zum »Staat im Staate« verkam und im Rahmen psychologischer Kriegsführung gegen das Volk alle Arten von Gewalt und Subversion anwandte. Während die westeuropäischen Gladio-Strukturen nach dem Untergang der Sowjetunion angeblich aufgelöst wurden, war dieses in der Türkei als »Konterguerilla« bekannte Gebilde so tief im System verwurzelt, daß es weiterhin gegen Linke zum Einsatz kam.

Frage: Und dann geriet die Ergenekon außer Kontrolle?

Haluk Gerger: Nach Beginn des »schmutzigen Krieges« gegen die Kurden war die Konterguerilla in ein geheimes Gangsternetzwerk eingebunden, das unter dem Schutz des Staates tötete, bombte, entführte und folterte. Nachdem sie äußerst mächtig geworden waren, begannen einige Gruppierungen, auf eigene Faust zu operieren und immer tiefer in Drogenhandel, Korruption und Erpressung zu versinken. So entstand für das System die Notwendigkeit, diejenigen auszuschalten, die sich durch nackten Terror, unverfrorene Gaunereien und diverseste Regelverstöße zu sehr exponiert hatten und damit das ganze System in Gefahr brachten.

Frage: Ist es nicht erstaunlich, daß die mächtige Armeeführung zu der Verhaftung hochrangiger Offiziere schweigt, die Ergenekon angehören sollen?

Haluk Gerger: Es geht in Wirklichkeit um eine Säuberungsoperation innerhalb der Streitkräfte, um diejenigen Elemente loszuwerden oder zu neutralisieren, die der US- und EU-Politik kritisch gegenüberstehen. Einige dieser Gruppierungen hatten sich auf das verbotene Terrain des »Antiamerikanismus« begeben. In Wirklichkeit handelte es sich dabei aber eher um Kurdenfeindlichkeit, da der Hauptwiderspruch zwischen diesen Kreisen und den USA deren Politik im Nordirak war. Die gestattete es der Türkei nämlich nicht mehr, nach Belieben weitere Verwüstungen in der Region anzurichten. Damit hatten sich diese Gruppen ihr eigenes Todesurteil ausgestellt, da die USA die einzige Kraft sind, die in der Türkei die Streitkräfte in Zaun halten kann. Bei ihrem Versuch, die Kontrolle über die höheren Ränge der Streitkräfte wiederzugewinnen, stellen sich die USA an die Seite der AKP-Regierung und gegen deren kemalistische Rivalen. Es ist offenkundig, daß die Regierung von Ministerpräsident Recep Erdogan ohne grünes Licht durch die USA und ihre CIA nicht in der Lage gewesen wäre, eine solche Operation durchzuführen.

Frage: Geht es der Erdogan-Regierung wirklich um die Aufklärung der Beziehungen zwischen Staat und Konterguerilla?

Haluk Gerger: Keineswegs. Solange die Staatsanwaltschaft davor zurückschreckt, die außergerichtlichen Hinrichtungen in Kurdistan gründlich zu untersuchen und die Ermittlungen auf Geheimdienst­offiziere und Politiker, auch ehemalige Ministerpräsidenten, auszudehnen, werden die Verbindungen zwischen Staat und »Konterguerilla« unaufgeklärt bleiben. Unter Schirmherrschaft der USA wird es zu einem Kompromiß zwischen dem Militär und der AKP kommen.

Interview: Nick Brauns
aus: Junge Welt 6.März 2009


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